Der Galerist Hammer zum ersten Mal bei den Beauvoirs im Elsass

Erster Besuch im Elsass

Wer weiß, vielleicht hätte ich die herzliche Einladung von Hélène de Beauvoir am Pier von Wladiwostok, die Sie mir zum Abschied mit der Überreichung ihrer Visitenkarte ausgesprochen hatte, nie wahrgenommen (das Abenteuer in der Transsibirischen Eisenbahn hatte mir auch einen Teil meiner Papiere gekostet) – doch glücklicherweise hatte jene reizende kluge französische Reisebekanntschaft meine Adresse gut aufbewahrt und mir 1972 eine auf Bütten gedruckte Einladung zu einer Vernissage  ihrer Werke in der Galerie „Die Treppe“ in Lahr im Schwarzwald geschickt, auf der sie „I would be very happy to see you again“ handschriftlich vermerkt hatte.

Also machte ich mich mit meinem VW Käfer durch den schönen Schwarzwald auf den Weg. Im Ausstellungsraum ist Hélène de Beauvoir von vielen Menschen umringt - ich will mich nicht vordrängen, doch sie entdeckt mich schnell und eilt sofort auf mich zu. „Bienvenu“ – sie stockt kurz, erinnert sich, dass wir auf dem Schiff Englisch gesprochen haben und begrüßte mich dann - um mich besonders zu überraschen - auf Deutsch! „Herzlich willkommen, Mister Hammer, wie schön Sie wieder sehen“ „ Liebe Frau de Beauvoir, wie viel Kilometer liegen zwischen dem schicksalhaften Hafen, wo wir uns das letzte Mal gesehen hatten und hier? 12 000 km mindestens ? Nicht wahr?“ „Wie herrlich war es die Delphine im japanischen Meer vor dem Schiffsbug springen zu sehen! Sie haben sie mir gezeigt!“ erinnert Sie sich. Hélène erschien mir noch hübscher als ich sie in Erinnerung hatte, der schmale Halssteg ihres taubengrauen Seidenkleids und eine kostbare silberne Schmuckkette mit rauchfarbenen Saphirsteinen umrahmt ihr feines, freundliches Gesicht mit dem hellen Teint (Sie hat wie ihre Schwester jeden direkten Sonnenstrahl gemieden) So oft ich Hélène später sehen werde, werde ich Sie so, nie böse oder ärgerlich, zwar manchmal besinnlich, doch stets vertrauensvoll und gütig erfahren. Sie stellt mir ihren Gemahl Lionel vor, einen großen, gut aussehenden Mann, distinguiert, schöne graue Augen, hohe  Stirn, er trägt einen grauen Anzug und ein weißes Hemd ohne Krawatte. Er spricht ebenso wie Hélène perfekt Englisch, ist bestimmt in seiner Meinung, äußerst korrekt und eher etwas unverbindlich. Später habe ich mich über ihn kundig gemacht und erfahren, dass er ein Meisterschüler in Philosophie von Sartre war und im diplomatischen Dienst  im Europaparlament in Strassburg tätig ist. „Hab viel über Sie von Hélène über die gemeinsame Schiffspassage  gehört. Sie fuhren ja dann mit der Transsibirischen Eisenbahn weiter. Was für eine weite Reise haben Sie da gemacht, ein kleines Abenteuer nicht wahr?“ „Ach, es war weniger romantisch als anstrengend! Ich wollte ja nur heim.“ „Also, wie geht es in Sibirien, in Russland zu? “, will er wissen. Ich erzähle ihm kurz von der düsteren, repressiven Stimmung, der überall spürbaren Armut und dem Versuch der Menschen dem Druck der Diktatur zu entkommen. Er ist ganz Ohr. Von meinen teils lustigen teils gefährlichen Abenteuern auf der Fahrt zu erzählen ist natürlich jetzt keine Zeit, denn wir sehen uns gemeinsam die Ausstellung an. Hélène erklärt mir ihre Kupferstiche die hauptsächlich ausgestellt werden und die mir ausnahmslos gefallen und trotz ihres klaren Strichs von ihrer reichen Fantasie erzählen und von einer wunderbaren, idealen Verbindung von Intuition und Intellekt.

Gegen Mitternacht fährt mich das Ehepaar in ihrem komfortablen Peugeot, mein Auto hatte ich in Lahr stehengelassen, über den Rhein nach Goxwiller zu ihrem Haus. Am kleinen Grenzübergang in Rhinau, wo man noch eifrig kontrolliert, zeigt mir Lionel stolz seinen bordeauxroten Ausweis, der einer der ersten Europapässe überhaupt ist und den selbst die Zöllner verblüfft und ehrwürdig anstarren. Aber als Diplomat hat er wohl sowieso keine großen Grenzprobleme.

Lionel de Roulet, Diplomat und Ehemann der Malerin
Hélène und Lionel

Müde lege ich mich auf das einfache Bett im Fremdenzimmer im Nebengebäude gegenüber dem Haupthaus. Wie sich später herausstellt, war es die erste provisorische Wohnung von Hélène und Lionel, die sie während der Restaurierung des Hauptgebäudes im Dreiseithof bewohnten. Ausgestattet mit einer einfachen Dusche, die von einem Durchlauferhitzer mit Gasflasche erhitzt wird und einem kleinen elektrischen Heizkörper im Wohnzimmer. Alles voller Bücherregale.  Darin stehen bezaubernde, wertvoll gebundene, alte Kinderbücher, mit denen die Schwestern Beauvoir wohl aufgewachsen waren und die wohl die jüngere Malerin für sich bewahrt hatte. Simone wusste wie sehr ihre jüngere Schwester an Ihnen hing. An den Wänden hängt ein Original von Léger. Ein Geschenk des befreundeten Malers an Sie? Ich schlafe schnell ein. Als ich ziemlich spät, gegen neun Uhr, aufstehe, ist Lionel schon zur Arbeit im Europaparlament in Strassburg gefahren. Hélène wartet auf mich mit dem Frühstück. Ihre Haushälterin Marie, eine kleine sympathische, schon etwas alte Elsässerin, die sich als wertvolle Übersetzerin in schwierigen Fragen entpuppt, da sie noch fließend Deutsch spricht - das schöne Elsässer Deutsch - hilft ihr dabei.

Am runden Tisch

Es gibt frische Pasteten, Weißbrot und Croissants und eine große weiße Kaffeekanne und eine runde Elsässer Tonkanne für den Tee duften auf dem runden mit einem wertvollen, handgestickten Tischtuch gedecktem alten Intarsientisch in der alten, gemütlichen Bauernstube, deren Wände und Decke mit den originalen großen Holztafeln verkleidet sind.

Anrichte in der Küche

Ein breites Schlafsofa steht in der Ecke, (auf dem ich später öfters übernachten und  einen großen Schrecken erleben werde, weil mitten in der Nacht der große Kater von Hélène, der sich ins Zimmer geschlichen hat, mir Schlafendem auf die Brust springt. Es war ja auch sein Stammplatz !). 

Vor einem Fenster steht auf einem kleinen Arbeitstisch der typische Abblendschirm der Kupferstecher, ein mit Butterbrotpapier überzogener Rahmen, der beim Gravieren der Kupferplatten mit Sticheln vor zu starker direkter Sonneneinstrahlung schützt und das wichtige diffuse Licht erzeugt. In der Ecke neben der Eingangstüre prahlt eine wertvolle Kommode mit einem Spiegel an der Innenseite des Deckels, der hochgeklappt, die vielen mundgeblasenen Flakons, Puderdosen und uralten kostbaren Parfümflaschen spiegelt. Der Schminktisch, an dem sich schon die Mutter Francoise für die großen Gesellschaften und Feste der Familie schön gemacht hat und der den späteren finanziellen Niedergang überlebt hat. Da ist ein echtes Stück Paris in diesem schönen Elsässer Bauernhaus gelandet!

An diesem Spätsommermorgen ist es kalt und wir sind froh, dass Marie schon den Ölofen, der von einer Leitung aus dem Keller gespeist wird, angezündet hat. Sein gemütliches Blubbern beruhigt und spendet gemütliche Wärme, die etwas nach Öl duftet. Einem kleinen Kunstwerk gleichend, steht ein größerer Kupferkessel, der wohl Wasser verdunsten soll, auf ihm. Er hat  im Laufe vieler Jahre eine bizarre wunderliche Ummantelung aus grünspanfarbigen Kalksteintropfen bekommen, das ein kleines Kunstwerk ist..

Darüber hängt ein Aquarell von Hélène, das einen jungen Burschen zeigt, der einem jungen Adler der sich gerade mit großen Schwüngen in die Luft erhebt, die Freiheit gibt. An der Hauptwand zum Mittelplatz des Dreiseithofs hin, übermächtig, beherrscht das gemütliche Zimmer ein großes Gemälde, das ihre Schwester Simone mit einem Buch in der Hand und mit scharlachroter chinesischer Bluse bekleidet zeigt.  

 „Wie war die Rückfahrt. Sie müssen mir heute viel davon erzählen.“ „Ich verspreche es. Aber sie müssen mir vorher ihre Ölbilder zeigen. „Gerne“ meint Sie. „Wie lange leben Sie in Goxwiller?“, frage ich Hélène. „Oh, noch nicht so lange, seit acht Jahren, aber wir haben bedachtsam renoviert, so dass wir erst vor kurzem fertig wurden“. Wer jetzt nicht damit antwortet, wie schön das gelungen ist, muss seelenlos sein, denn es ist deutlich, wie sehr das Ehepaar das Haus und seine Geschichte respektiert haben und mit welchem künstlerischen Gefühl sie alle alten Details erhalten haben. Während sie mir schon wieder die Marmeladen und den Honig rüber schiebt und noch etwas Tee einschenkt -sie weiß noch von der Schiffspassage von Japan nach Russland, dass ich Teeliebhaber bin - fragt sie mich :„Was denken Sie darüber? Ich zeige Ihnen zuerst mein Atelier und dann machen wir einen Spaziergang in die Weinberge. Kennen Sie den Isenheimer Altar? Fahren wir nach Colmar und sehen uns das Musee Unterlinden an!“ Das wird ein herrlicher Tag, ganz nach meinem Wunsch! Und abends gehen wir in ein Elsässer Restaurant mit Lionel! Er lädt uns ein!“ „Aber jetzt gehen wir ins Atelier! Denn natürlich will ich zuerst und am allerliebsten ihre Bilder sehen, darauf freue ich mich schon lange.“

Dieses Foto entstand bei späterem Besuch

Aus dem Elsässer Bauernhaus  führt eine schöne Treppe von Rosenranken beschattet und von Blüten umduftet am Fachwerk vorbei in den Garten. Sandsteinplatten geben den Weg zum Atelier vor, man hört das Plätschern eines Brunnen, das Wasser läuft aus dem Mund eines Fabelwesens, das an einen Sonnengott erinnert, in ein rundes Becken in dem Seerosen blühen und Goldfische aus dem dunklen Grund rote Reflexe senden, über halbschalige Rinnen in zwei weitere.

Die Luft inmitten der Weinberge und unter den Wäldern des Bergs San Odile ist rein und frisch. Hélène ist heiter, sie genießt es jemanden wieder zu sehen, der sie offensichtlich nicht nur ihres Namens wegen schätzt und den sie bei einer Reise kennengelernt hat, die sie mit der Erinnerung an einen großen Triumph der Ausstellung ihrer Bilder in einer der bekanntesten Galerien in Tokio verbindet. Die erste Türe, die sie jetzt öffnet, führt in einen ehemaligen Kuhstall, man sieht noch die Granittröge an der Wand. Doch er ist nicht rustikal eingerichtet – wertvolle rote Sessel mit Blumenmuster bilden eine Sitzgruppe im weißgekalkten Atelier,auf dem Tisch liegt Korrespondenz,. Ein großer Zeichentisch mit einem Drehstuhl dahinter nimmt  im Raum vor dem Fenster, auf dem sich viele Malutensilien, Aquarellkästen und verschiedenfarbige Tuschgläser und Malpinsel in Töpfen zur Arbeit bereit stehen, eine bedeutende Rolle ein. „Hier mache ich meine Aquarelle, es muss ein sauberer Ort sein, Ölfarben und Terpentin vertragen sich nicht mit Büttenpapier!” Da der Raum etwas dunkel ist, hat sie eine große Stehlampe mit steinernem Fuß und mit rotem Schirm auf dem Tisch eingeschaltet. Vor dem Fenster sind noch die Vorhänge zugezogen. Sie öffnet die Türe zum nächsten Raum, einer hohen Holzscheune ein überdachter Durchgang mit  großen, langen, zweistöckigen Regalen für die fertigen Bilder, die regelrecht dazu einladen, viel zu produzieren und die auch schon fast gefüllt sind. „So many pictures! Das sind doch Tausende von Bildern“, schätze ich“ „Oh, yes !“, sagt sie stolz. Sie öffnet die dritte Tür mit einer einladenden Geste. „Das große Atelier?“, frage ich. „Bitte, treten Sie ein“ scherzt sie. „Bien venú“. Auf dem Türblatt prangt ein schwarzweißes dominantes Plakat mit einem Foto ihrer Schwester Simone, das mit Reisnägeln an der Tür befestigt ist. Eine Nahaufnahme, die sie ungewöhnlich kämpferisch, bewegt, fast aggressiv, mit fliegendem Haar zeigt, unten ist groß ihr Autogramm aufgedruckt. Bewacht Sie das Atelier? Darüber, wie versöhnend, hängt ein farbiges Ausstellungsplakat von Hélène, fröhlich in den Farben, Tiere, ein Akt und Blumen. „Das ist mein Reich.“ Sie bittet mich weiter. Im Atelier für die Ölmalerei sind die Ziegeln im Fachwerk zum hinteren Garten hin durch Glasscheiben ersetzt. Man hat Sicht auf den Garten in dem eine große Sandsteinskulptur steht. Sie sieht wie eine abstrakte Tulpe aus. Der Zaun  ist von Blumenstauden umgeben, die frei wuchern dürfen.

In der Mitte des Ateliers steht die große Staffelei, die man mit der Handkurbel höher stellen kann, viele große Bilder stehen an der Wand. Ich bin verblüfft und bleibe wie gebannt stehen. Welch eine gigantische produktive Werkstatt von Kunst! Auf einem Tisch neben einer Vase von Picasso und andere kleine Souvenirs viele Pinsel die sauber gewaschen mit den Borsten nach oben in Töpfen stehen. Daneben verschiedenste Spachteln und eine saubere Palette. Ich bin diskret und suche noch nicht instinktiv, wie später, Bilder für eine Ausstellung aus, die ich in einem Museum oder in meiner Galerie organisiere werde, sondern betrachte nur fasziniert das Bild, das gerade auf der Staffelei steht und in Arbeit ist. „Du hast gestern daran gearbeitet, nicht wahr? Ich erkenn es an den glänzenden, noch feuchten Farben.“ „Ja, wenn ich keinen Besuch habe oder auf Reisen bin male ich jeden Tag von 9-12 und von 14 bis 18 Uhr – wie ein Fabrikarbeiter!“ Wie gut kann ich Hélène verstehen als sie mir von dem Vergnügen berichtet endlich ihre eigenen, großzügigen Arbeisräume zu haben. „Ein Maler braucht ein eigenes Atelier, ich hatte nach dem Abitur in Paris immer eines, aber nach meiner Hochzeit  in Portugal 1943 und bei den vielen Umzügen mit meinem Mann, der als Diplomat ja ständig wechseln musste und dem ich überall hin folgte, war das natürlich unmöglich!“ Das Bild an dem sie eben die letzten Firnisse aufträgt ist schon H de Beauvoir 72 signiert. In den Jahren meines Besuchs hat Hélène Bilder gemalt, in denen sie die ungegenständliche Malerei mit der gegenständlichen Malerei verknüpfen wollte.  J.P. Sartre, der Hélène sehr mochte, hat diese Schaffenszeit sehr geschätzt und anerkennend für eine Ausstellung in Brest geschrieben: „Ihr Werk mag zu überzeugen und zu verzaubern!“ Und auch mir gefällt das Bild sehr, das sie gerade in Arbeit hat. „Lunuet et les groseilles“ werde ich es nennen“, sagt Hélène zu mir. Man sieht auf hellblauem Grund mehrere Frauen in zarten Farben, die offensichtlich Johannisbeeren ernten, in der Mitte aber erstrahlen starke Farben in abstrakten geometrischen Formen, deren visuelles Zentrum eine runde rote Form bildet. Johannisbeeren werden sehr früh reif im Elsass und wurden eben geerntet und natürlich hatte jene große Liebe zu den schaffenden Frauen wieder einmal gesiegt, die sie immer wieder dazu antreibt, deren damals recht unbeachtetes Wirken in ihren Bildern zu würdigen.

„Lunuet et les groseilles“

Sartre hatte diese Bildern trefflich beschrieben: „Das Werk das Hélène heute ausstellt, ist die Frucht einer langen Suche und Entwicklung. Die Malerin hat schon früh erkannt, dass man die Wirklichkeit verfehlt, wenn man Trugbilder herstellt. Gleichwohl liebt sie die Natur zu sehr – die Wälder, Gärten, Lagunen, Pflanzen, Tiere, den menschlichen Körper - ,als dass sie darauf verzichtete, sich von ihnen inspirieren zu lassen.“ Sartre! Ich schaue an der Leinwand vorbei, wo eine Treppe nach oben führt, und da sieht er mich an. Sie hat ein Bild des Philosophen an dem Treppenrand festgemacht – offensichtlich aus einer Zeitungspublikation – Sartre in einem schwarzen Rollkragenhemd, schräg als Porträt ins Bild gesetzt, seine linke Hand an der eine große Armbanduhr aufscheint diskutierend erhoben in Höhe des Gesichts. Er ist gut getroffenwie er damals war, vital, kraftvoll. Und darüber mit Reisnägeln festgemacht  wieder ein Foto ihrer Schwester Simone, mit Mittelscheitel, die Haare als Zopf oben um den Kopf gelegt vor chinesischen oder japanischen Skulpturen, ebenfalls aus einer Zeitung ausgeschnitten. Bei diesem schönen Porträtfoto scheint mir,  dass sie anders ist als an der Eingangstür. Weicher und freundlicher, eine Kosmopolitin. Doch alles überstrahlen die Bilder, die Sie gerade in Arbeit hat.„Ich liebe ihre Malerei ! Sie ist so voller Seele, originell und von einer besonderen Ausstrahlung“ Sie spürt, ich mache keine falschen Komplimente. Ohne es zu wissen hatte ich noch dazu eine Bewertung von Picasso wiederholt, die dieser bei der ersten Ausstellung der Malerin ausgesprochen hatte. „Es gibt so viele schwache Maler, die nur Vasallen von Trends ohne eigene Ideen und Kraft sind!“ Hélène ist es offensichtlich etwas peinlich gelobt zu werden, doch natürlich freut sie sich. Sie weiß ja seit gestern während der Autofahrt mit Lionel, dass ich Kunst studiert habe und immer mit Ausstellungen zu tun hatte.

 

Zen und Hélèn

 

Hélène schließt das Holztor auf, das den Hof des Hauses von der kleinen Dorfstrasse trennt. Gegenüber im Hof eines einfachen Bauernhofs kläfft ein Hund an der Kette, es riecht nach Kuhstall, die Winzer in Goxwiller haben alle noch eine kleine Landwirtschaft, ein paar Kühe im Stall. Und weil man in der fruchtbaren Rheinebene viel Platz für das geliebte Kraut zum choucroute garnie hat, kann der Wein gerne am Hang bis zum Wald hoch wachsen wo er sich wohlfühlt.

Auf dem Giebel des Dachs glänzt ein kleines Herz aus rotem Ton. „Schön“, meine ich „diese kleinen Details“. Hélène ist amüsiert, weil ich die Bedeutung des Schmucks nicht kenne. “Das heißt“, klärt sie mich auf:„in dem Haus gibt es noch unverheiratete Töchter“, und blinzelt mir vielsagend zu. Da könnt ich ja glatt der Nachbar von Hélène werden!  Abers dass sie nicht viel von dieser Art Schaustellung hält, welche die Tochter so unverblümt anpreist, merke ich sofort an ihrem abwertenden Achselzucken.

„Und wenn sie keine Freier findet, wann kommt das Herzchen runter“ frage ich und Hélène schüttelt noch einmal indigniert ihren Kopf. Die Rue de Iglés führt etwas beengt durch fensterlose Scheunen auf die große Hauptstrasse Rue Prinzipale, die tatsächlich in eine Rue de la Gare weiterführt. Goxwiller hat eine kleine Eisenbahnanbindung! Hélène zeigt mir das Gemeindehaus und das alte Rathaus auf der rechten Straßenseite hinter dem eine Kirche mit spitzem Turm hervorlugt. „Oh, Sie haben sicher nicht gut geschlafen! Immer diese laute Glocke? “, erkundigt sie sich. Tatsächlich hört man in der Nacht jede Viertelstunde sehr laut die Glocke schlagen, viermal vor jeder Stunde und um fünf, also dann 9 mal! Aber ich hatte gut geschlafen und konnte mich nicht beschweren, außerdem hatte mein bayerischer Großvater zu einer Kircheneinweihung eine große Glocke gestiftet und da hat man dann als Enkel ein anderes Verhältnis dazu. 

Goxwiller ist ein kleines Winzerdorf und liegt nicht weit von Obernai am Fuß von Sant Odile, dem heiligen Berg im Elsass. Im Osten breitet sich weit und dunstig die Rheinebene aus, die von der Schnellstrasse in das 30 Kilometer entfernte Strassburg durchschnitten wird. Es ist klein und noch gemütlich, aber Hélène hat natürlich als Pariserin nicht allzu viel Interesse hier eine „Stadtführung“ zu veranstalten.

Und so kommt sie gleich wieder auf die verschobene Beantwortung einer ihrer Frage beim Frühstück zurück.

„Was passiert eigentlich im Zenkloster?“ Hélène schaut mich mit offenem, fragendem Blick an. Sie hat blaue Augen, ihr Gesichtsausdruck ist stets ohne Argwohn, wenn sie mit jemanden redet. Frei von Vorurteilen hört sie aufmerksam zu. Und Hélène hat wirklich Interesse am Kern der japanischen Kultur. Am Zen. Sie hatte in Japan 1970, bevor sie mich kennenlernte, eine großartige Zeit, ähnlich wie ihre Schwester vorher verbracht. Bei einer erfolgreiche Vernissage mit vielen interessierten Kunstkennern, die etliche Bilder erwerben, wird Sie gefeiert. Sie hat die Kulturdenkmäler Japans besichtigt, hat eine Teezeremonie mitgemacht, Kurse im Tuschmalen besucht und die Zenkünste,wie Blumenstecken und den Schwertkampf studiert. Einen beeindruckenden Kupferstich hat Hélène danach geschaffen. Zwei Schwertkämpfer stehen sich gegenüber, geschützt durch Kopfmasken und modernen Rüstungen, unbeweglich mit erhobenen Bambusschwertern. Dann sieht man förmlich, auf dem selben Blatt, mit einer feinen Bewegung der Linien angedeutet, das schnelle Klicken der zusammenschlagenden Klingen.

„Und was ist Erleuchtung“, will sie noch wissen. „Das wollen natürlich alle von einem wissen der aus einem Zen Kloster kommt. Ich kann es Ihnen schwer erklären“, sage ich zu Hélène, „weil die Sprache, die Wörter dazu noch nicht fähig sind es auszudrücken. Aber es gibt sie. Sie sind Künstlerin, und  von denen sagt man, dass diese es sehr viel leichter haben zur Erleuchtung zu kommen! Oder wenigstens ahnen was es sein könnte! Der einfachste Weg wäre natürlich der: Du glaubst mir einfach, dass es diese plötzliche Erkenntnis des universellen Geistes gibt, weil dir deine Menschenkenntnis sagt, dass ich kein Lügner bin. " Wir schmunzeln beide. „Also", fahr ich fort. "Ich werde versuchen, es zu umschreiben.  Zuerst einmal erzähl ich dir etwas über den Weg zur Erleuchtung. Um es gleich im Vorhinein zu sagen,es ist für die allermeisten ein harter, mühseliger Weg. Man muss freiwillig auf vieles verzichten, ja man muss Leid und Schmerz auf sich nehmen. Zum Beispiel bei einem großen Sesshin. Das ist ein zehn Tage dauernder Meditationskurs. Ich hab ihn im Akigawa Shinmeikutsu, so heißt das von dem Jesuiten Pater Lassalle gebaute Kloster bei Tokio, mitgemacht. Es gibt wenig zu Essen, nur etwas Reis und Gemüse, man darf nicht sprechen und kaum schlafen. Und man macht viel Zazen, das ist im Lotussitz meditieren. Und das tut schrecklich weh, weil die Europäer meist nicht gewohnt sind auf dem Boden mit gekreuzten Beinen zu sitzen. Viele, besonders die Amerikaner, die auch mitmachten, konnten das nicht ertragen und brachen den Kurs ab. Einmal träumte ich, nach den ersten Tagen der Meditation, ein Zug sei über meine Beine gefahren und ich liege verstümmelt im Bett! Und dann höre ich erfreut ein Geräusch: Meine Mutter macht mir ein Wiener Schnitzel!  Beim Aufwachen merke ich es ist der Bach der am Kloster vorbei rauscht, von dem das verlockende Bruzzeln kommt! Also gibt es kein Schnitzel, aber wenigstens waren noch meine Beine dran.“ „Oh, oh!“ Hélene lacht wieder. „Erzählen Sie weiter! Ich höre Ihnen so gerne zu!“ „ Ach, ich erzähle jetzt so dramatische Geschichten, dabei stehen wir doch in der milden Mittagssonne, dieser herrliche  Ausblick die Rheinebene bis zum Schwarzwald hinüber!“ Am kleinen Hain inmitten der Elsässer Weinberge in halber Höhe zwischen Goxwiller und Heiligenstein wo wir kurz stehenbleiben singen die Vögel, ein Schmetterling, ein Pfauenauge umgaukelt uns. Wie wohl tut die warme, milde Luft, ich komme aus der Oberpfalz wo das Wetter noch rau ist und herb. „Sie haben im Kloster in Japan eine sehr harte Zeit durchgemacht.“ Hélène bedauert mich! Das tat mir wohler wie die Sonne, die durch die Blätter des Kastanienbaums auf mein Gesicht fiel. „Ach, ich fand es gar nicht so schlimm, weil es immer wieder gute Momente gab. Die vielen tiefen Visionen und Träume, die herrliche Stille, die geklärten Gedanken, die erhellenden Worte und Messen unseres katholischen Zenmeisters, der Jesuit war. Was mir auch gefiel – welch Kontrast zu meiner chaotischen Kindheit inmitten zehn Geschwister in der Nachkriegszeit – die durch Glockenläuten und markante Hammerschläge auf Holz genau geregelten Stunden. Das einfache fleischlose Essen - meist eine Schale frischer Reis mit gedünstetem Gemüse - bekam mir sehr gut und ich fühlte mich durch das Fasten leichter, klarer und reiner.  Mein Schlaf war gut und tief, die Träume wurden durchsichtiger, längst vergessene, kleine Ereignisse aus der frühesten Kindheit tauchten wieder auf. Nein, mir gefiel es im Zen-Kloster,auch wenn es hart zuging. Außerdem habe ich keine leichte Jugend hinter mir. Mein Vater, der dem Widerstand angehörte, war durch den Irrsinn des Kriegs jähzornig geworden und manchmal bekamen seine sieben Söhne Schläge, weil er meinte, das sei zu ihrem Besten – was sind da schon die paar Schläge mit dem Kyosaku, dem Warnstab." Hélène blickt auf einmal recht skeptisch, oder war es schon leicht entsetzt und ist weiter neugierig. „Was ist ein Warnstab?" „Mit dem werden Meditierende auf den Rücken geschlagen, damit sie sich besser konzentrieren und nicht einschlafen. „Wie schrecklich! Und mit dieser Prügelei haben Sie Bekanntschaft gemacht?" Hélène ist empört und ich erzähle etwas bereitwilliger, als nötig wäre, weiter und lenke von der Frage ab. "Um nochmals auf das Schweigegebot zu kommen, das während der Zenschulung eingefordert wurde. Es war für mich eine wahre Wohltat. Viele Menschen schwätzen doch nur gedankenlos vor sich hin und vergessen, wie wertvoll und gefährlich zugleich ein ausgesprochenes Wort sein kann. Nein, es war für mich nicht schwer im Kloster zu leben." Hélene schaut jetzt zwar weniger skeptisch und sendet irgendetwas Mitfühlendes aus. "Und bedenken Sie“,  fahr ich fort als müsste ich mich verteidigen, ich hatte mich warm geredet. "Es sitzen lauter gute Leute um dich herum, die dasselbe Ziel haben wie Du : Zu wissen ob es ein ewiges Leben nach dem Tod gibt oder nicht."Jetzt wird mein Englisch etwas zu schlecht, um die schwierige Zen Philosophie zu erklären" : Das Schwerste  ist die geistige Haltung die zu einer Erkenntnis führt die in der Geschichte viele  glaubhafte und lebenstüchtige Mystiker erreicht haben  und davon stammelten. Aber es gilt da ein Satz : Wer sagt weiß nicht und wer weiß sagt nicht !"

Und wo hast Du in Japan sonst gelebt?“ fragt Hélène mich. " Im Akigawa Shinmeikutsu und in Yokohama im Soijji. Sie vermieten dort spottbillig kleine Zimmer an die Schüler. Am Schluss habe ich dann allein in einem kleinen, verlassenen Tempel am Meer gehaust. Nun, im Kloster ging es mir besser als dort. Aber wenigstens hatte ich eine Freundin. Eine Spinne!" „Eine was?" Hélene erschrickt. Sie legt  leicht und tröstend ihre Hand auf meinen Arm oder will sie sich vor Schreck nur anhalten?" „Ich schlief auf dem Boden, auf einem einfachen,  harten Futon über dem Tatami, eine Art dünnster Matratze. Die war mir aber zu kurz, so dass ich immer an den Füssen fror. Es gab nur einen Lichtschalter. Deshalb las immer vor dem Einschlafen mit der Taschenlampe, um nicht wieder aufstehen zu müssen. Und immer, sobald ich sie ausgeschaltet hatte, hörte ich ein kratzendes Geräusch auf der Grasmatte. Aus den breiten Fußbodenritzen des Holzhauses mit den Papiertüren kam dann meine Freundin – eine große haarige Vogelspinne mit ihren drei halb so großen Jungen, die ihr in Reih und Glied  nachfolgten. Dann konnte ich erst einschlafen – weil ich meinte, die zögerliche, Respekt gebietende, irgendwie weise Gegenwart der großen haarigen Spinne sei der sicherste Garant, nicht während des Schlafs von den vielen fingerlangen Kakerlaken betastet oder gar angefressen zu werden, die, wenn das Licht aus war, aus den Opferschalen der Grabsteine rund um den Tempel gekrochen kamen. Oft schaute ich in schlaflosen Nächten noch mal nach, ob diese handtellergroßen braun behaarte Spinnen noch da waren. Im schwachen Strahl der Lampe standen sie dann unbeweglich wie Wächter zu meinen Füßen, ihre Augen leuchteten wie Saphire.  Und bevor die Spinnenmutter, von dem Lampenstrahl gestört, geradlinig und langsam weiter zog , zuckten zögernd ihre langen geknickten Beine. In gleichen Abständen folgte die Brut hinterher. Und weit hinten in der Ecke des Raums sah man die schlagenden, langen Fühler einer riesigen schwarzen Kakerlake – weit hinten im Eck – sie hatte Angst vor meiner Verbündeten. „Oh, Sie hatten einen guten Wächter! Kakerlaken sind ekelhaft“. Sie haben so viel erlebt. Was haben Sie nicht alles durchgemacht!“ Ich wechsle schnell das Thema und zeige auf das  kleine Dorf Goxwiller das jetzt unter uns friedlich eingebettet in  Gemüse und Obstgärten liegt. „ Wie schön ist es doch hier! Dort ist ihr Atelierhaus, nicht wahr? Man kann verstehen, dass man hier leben will! Sie kamen von Paris hierher?„ Oh“ meint Hélène. "Es war wegen Lionel. Er wurde ans Europaparlament als Kulturbeauftragter für Jugend und Kunst berufen. Und so sind wir ins Elsass gezogen – der Weg von Paris  jedes Wochenende hierher, wäre mir zu weit gewesen.“ „Das verstehe ich, und eine Wochenendbeziehung ist nichts Schönes!“ Ich spüre, dass ihre zögerlich vorgetragene Erklärung die Frage warum Sie Paris hinter sich gelassen hat, wohl nicht ganz beantwortet hat, doch wollte ich am zweiten Tag unseres erneuten Wiedersehens nicht zu aufdringlich sein. Vor meiner Fahrt zu Hélène hatte ich mich natürlich schon etwas informiert. War Hélène in Paris nicht eine vielbeachtete Künstlerin gewesen? Anerkannt und in einem guten Künstlerkreis von Picasso bis Callas integriert? Gab es nicht noch eine andere Erklärung für den Wohnungswechsel? „Wie hast du Lionel eigentlich kennengelernt?“, frage ich weiter. „War es Liebe auf den ersten Blick?“ 

profession : artiste peintre

Wie hast du Lionel eigentlich kennengelernt?“, frage ich weiter. „War es Liebe auf den ersten Blick?“  „Oh, nein, überhaupt nicht, ich hielt Lionel anfangs für einen unreifen Grünschnabel und er hat mich seinerseits, gleich nachdem ich ihn kennenlernte, als kleine Verrückte bezeichnet!“ Hélène lacht amüsiert. „Das kam so: Ich und Simone waren mit dem Zug von Paris nach Rouen unterwegs, wo Simone als Lehrerin arbeitete. Uns gegenüber an den Fensterplätzen saßen zwei junge, hübsche Studenten die sich über ein Buch unterhielten – es war das erste Werk von Agathe Christie „ Der Mord an Roger Achryd“ und dabei sagte der Eine zum Anderen: „Das hat mir mein Lehrer, Jean Paul Sartre empfohlen, er findet es gut! Simone neben mir horchte auf und stieß mich an : „Einer von den beiden Jungen muss Lionel de Roulet sein, von dem mir Sartre  schon öfters erzählt hat! Er hält Ihn für hochbegabt!“, flüsterte sie mir zu. Obwohl es sich also bei ihm um einen Freund ihres Freundes Sartre handeln musste, fingen wir kein Gespräch an. Weil Simone und ich aber ziemlich viel  Hunger und Nüsse im Koffer hatten, holten wir diese raus. Aber wie die knacken ohne Nussknacker? Gott sei Dank hatte ich ein robustes Bügeleisen dabei, eines von den schweren, die auf dem Herd aufgeheizt werden und so kamen wir Mädchen an die Kerne. Wir zerschlugen die Nüsse auf der hölzernen Armlehne!“ Hélène lacht jetzt laut und malt mit den Armen einen lustigen Kreis in die Luft .Wir konnten natürlich nicht ahnen, dass Lionel am nächsten Tag alles Sartre erzählen würde: Gestern waren übrigens zwei hübsche Mädchen mit im Zug. Aber stell dir mal vor, wie verrückt die waren: Sie knackten Nüsse mit dem Bügeleisen!“ Sartre musste schmunzeln, denn er wusste wiederum schon von Simone, dass Schüler von ihm im Zug gewesen waren. „Ja,  weißt du was, das waren Simone de Beauvoir, Sie ist ja jetzt Philosophielehrerin in Rouen und ihre Schwester Hélène! „ Da stand ich nun mit Helène zwischen den noch vom Morgentau frisch glänzenden Weinreben und musste herzhaft lachen über diese verdrehte Geschichte, die lange zurücklag. Hélène, einmal im Erzählen, fuhr fort: „Ich hab mich aber dafür gerächt, dass Lionel mich verrückt genannt hatte. Sartre musste auf mein Betreiben hin Lionel zu einem gemeinsamen Essen mit mir und meiner Freundin Colette Audry einladen. Dann zeigten wir ihm die Kathedrale von Rouen, aber das gründlich. Wir hielten stundenlange Vorträge über  kleine Details und begleiteten den Erschöpften dann zum Zug nach Le Havre und schenkten ihm eine kleine Tafel Schokolade zum Abschied, so, wie man es mit einem kleinen Jungen tut. Das hat ihn furchtbar geärgert, er war ja noch dazu drei Jahre jünger als ich!“ „Aber später hat er Dich doch rumgekriegt“! „Na ja, es war Gégé, eine Freundin, die ihn immer wieder anschleppte. Und eines Tages luden Lionel und sein Freund Fornani uns beide zum Skifahren ins Val d Isère ein. Oh – es war ein Cabriolet das man nur zur Hälfte schließen konnte, das heißt Fahrer und Beifahrer saßen zwar unter Dach, aber die auf dem Rücksitz froren schrecklich! Und bei Chamonix hatte es dreißig Grad unter Null! Wir wechselten immer wieder mal die Plätze durch und Lionel erwies sich als besonders aufmerksam und nett. Er hat übrigens Schweizer Wurzeln, konnte daher auch gut Skifahren und hat es mir dann dort gelernt. Und so begann unser gemeinsames Leben.“

„Das ihr beide jetzt im schönen Elsass fortsetzt.“ „Ja“. Da klingt schon wieder etwas Wehmut durch? „Sie haben hier ein großes, schönes Atelier!“ „Natürlich, das ist meine ganze Freude. Wissen Sie als Frau eines Diplomaten ist man ständig unterwegs. Man sieht viel in anderen Ländern, aber als Malerin hat man kein wirkliches Atelier. Natürlich hab ich immer gezeichnet oder gemalt, überall, aber unter welchen Schwierigkeiten!“ Da klingt viel Bedauern durch. Wir sind schon fast bis nach Heiligenstein hochgestiegen, ein großer Schriftzug an einem Weingut ist jetzt zu lesen: Klevener de Heiligenstein. „Die Rebsorte, aus der dieser Wein gemacht wird, wächst nur hier rund um Goxwiller! Wir probieren einen?“ Ich trinke nie vor Sonnenuntergang Alkohol, aber wenn Hélène mich auffordert? Die Elsässer Weine sollen doch so schmackhaft sein. Und Durst haben wir beide bekommen! „Als Diplomatenfrau hat man doch dann auch noch viele gesellschaftlichen Verpflichtungen!“ knüpfe ich an unser Gespräch über die Bedingungen der Malerei an. „Oh, das ist oft schrecklich! Fast jeden Abend gilt es einer Einladung zu folgen! Und wenn der Mann allein auf einen Empfang geht, gibt es sofort Gerüchte! Zum Beispiel hat man in Straßburg hinter dem Rücken von Lionel, nachdem wir hierherzogen, gemunkelt, er müsse eine sehr hässliche Frau haben weil er mich nie zu Empfängen mitnehme! Daran war ich schuld – ich hatte mir geschworen in den ersten Jahren hier im Elsass meine Zeit nur der Malerei zu widmen! Ich ging sogar nicht mehr ans Telefon! Malte, ja, fast Tag und Nacht!“ Hélène und hässlich? Denke ich mir. Welch einem gewaltigen Irrtum sind da Lionels Kollegen erlegen. „ Und als sie Dich das erste Mal sahen, waren sie sprachlos“, sage ich laut.

Hélène bedankt sich ohne eine Spur Verlegenheit zu zeigen für das Kompliment und erzählt weiter: „Das mit Lionel entwickelte sich eher langsam, wir hatten  anfangs ein entspanntes, lockeres Verhältnis zueinander und ich kümmerte mich nicht so viel um ihn.  Aber dann wurde er krank und da kann man einen nicht allein lassen! Als er nach einer Reise durch Spanien und Portugal am Bahnhof in Paris ausstieg, wo ich ihn abgeholt habe, beschleunigte sich alles. Er begrüßte mich mit grünem Gesicht! Er hatte Scharlach! Er musste ins Krankenhaus ! Natürlich besuchte ich ihn jeden Tag dort – er tat mir so leid! Aber dann, als er den Scharlach ausgeheilt hatte, welch Schrecken ohne Ende, entdeckte man bei der Entlassungsuntersuchung, dass er an Drüsentuberkulose erkrankt war! Zehn Jahre lang hat er insgesamt gebraucht um sie auszuheilen! Im Krankenhaus besuchte ich ihn jeden Tag. Sartre und Simone kamen auch oft und sprachen ihm Mut zu, das tat ihm gut. Er hatte es schon als Kind nicht einfach gehabt, weil seine Mutter ihn vernachlässigte, ja sogar ablehnte, und seinen Vater sah er kaum!„ „Héléne, du hast dich selbstlos um ihn gekümmert, aber du hast doch damals wahrscheinlich selber noch nichts verdient? Oder irre ich mich?“ „Das war wirklich schlimm, es war 1935, ich arbeitete zwar in der Galerie Bonjean – das war sehr wichtig und gut für mich, denn ich traf dort öfters Picasso, Dalí und andere, aber ich verbrauchte fast das ganze wenige Geld, das ich ausbezahlt bekam, für die Zugfahrt nach Saint-Cloude ins Krankenhaus zu Lionel! Er war so tapfer! Er schloss bei alldem Ungemach trotzdem sein Studium ab! Er hatte oft Rückfälle, bekam einen schlimmen Abszess an der Wirbelsäule, ach, es war eine schlimme Zeit, beinahe wäre er gestorben!“ Jetzt wurde es Zeit, dass ich Sie tröstete. “Du warst auch tapfer! Und selbstlos!“  Es war anrührend, dass die sonst so  diskrete Hélène ihr Herz so frei mir gegenüber schon am ersten Tag so weit geöffnet hatte. Es mussten meine Geständnisse über meine Japanzeit  gewesen sein - warum sollte Sie nicht auch frei von der Seele reden ?  Ja,  es war wohl so, dass  wir beide harte Lehrjahre hinter uns hatten, die uns verbanden. Unser Gespräch wurde aber gleich, dank Hélène, wieder etwas entspannter, ja fröhlich.  

 „Als du von der Spinne erzählt hast, musste ich an meine Maus denken!“ „Jetzt wird’s aber lustig“ sage ich. „Ja, es war in einer Schutzhütte oberhalb von Saint-Gervais. Ich war dort, fast ohne einen Pfennig, um Ski zu fahren. Im Gegensatz zu Simone war ich übrigens darin sehr gut! Nun, zum Essen ging ich einmal am Tag in eine Jugendherberge – das war Alles, denn Geld hatte ich keines! Und in dieser kleinen Schutzhütte hatte ich durch Bekannte die Erlaubnis bekommen zu übernachten und da es kein Bett gab, schlief ich im Stroh. Simone und Sartre waren damals schon reicher, sie übernachteten in einem Hotel in Megève weiter oben am Berg. Und da kam manchmal eine Maus in der Nacht und knabberte an meinen Socken, die ich natürlich wegen der Kälte anbehielt!“ Wir lachten jetzt schallend. Ihre Maus und meine Spinne! „Und hast Du Angst gehabt“ frag ich sie amüsiert“ „Nein, überhaupt nicht! Sie knabberte immer nur ein bisschen an den Socken herum! Sie war meine Freundin!“ Wir waren jetzt schon in Heiligenstein angekommen, die Sonne schien mild über uns, im Hang glänzte der Mischwald über den Obstwiesen, welche die Weinberge abschlossen und wir machten eine kleine Brotzeit auf der Terrasse eines Restaurants, die frei über den Weinbergen lag. Es waren wenige Tische besetzt. Eine Winzerplatte mit Münsterkäse und Speck und gutes Bauernbrot wurde serviert und natürlich tranken wir dazu ein Glas vom Klevener. Alle trüben Erinnerungen waren vergessen und in dieser heiteren Grundstimmung liefen wir gestärkt nach Goxwiller zurück. Welche zwei süße kleine Freunde hatten wir gehabt! 

Dieses sehr frühe Aquarell das Sie als 17jährige malte entstand wohl bei einer Bergwanderung mit ihrer Schwester Simone. Die Liebe zur Natur war bei beiden Schwestern sehr ausgeprägt.

„Wir müssen gleich los, sonst bleibt nicht viel Zeit im Museum!“, drängt Hélène. Ein Kaffee von Marie, und schon fahren wir los! „Für mich ist der Isenheimer Altar das beste und schönste Gemälde der Welt“ erklärt  Helène auf der Fahrt nach Colmar und als ich davor stehe muss ich es betätigen – es ist überwältigend! Ich denke es nur, ich bin zu abgelenkt um sprechen zu können! Wie erstarrt verharren wir beide vor dem Meisterwerk. Natürlich hatte ich in meinem Kunststudium schon darüber gelesen – aber wie dürr wie kraftlos war das Alles gegen die Realität dieses Bildes. Eigentümlich scheint eine ganz andere, unsichtbare  Botschaft darin versteckt. Grünewald muss etwas gesehen haben, das unsere normalen Sinne nicht wahrnehmen können. Wollte er das Ewige darstellen? Der Altar bringt die meist rastlosen Touristen zum Innehalten, sie scheuen ihn fast und müssen ihn doch schauen.  Dann wird ihr Atem ruhiger, schweigend verharren auch sie. Wie ist dem Maler das gelungen? Durch die Farbgebung, die mir ein klein wenig verschieden scheint als sie den Dingen in Wahrheit anhaftet? Durch die etwas überzeichneten Formen, die vielleicht die geheime wirkliche Form einer Figur darstellen? Welch großartiges Flügelbild besitzt der Elsass! Grünewald hatte  doch auch nur die Farbpalette die damals üblich war, oder benützte er jetzt vergessene Farbpigmente, rätsle ich. Aus kostbarsten Edelsteinen? Warum malt er, der so genial malen kann, dem wunderbaren Engel so eine derbe Miene in das leuchtende Gesicht – doch, halt!  welcher Wahnsinn! wenn man länger hinschaut ist sie plötzlich strahlend schön ! Der gekreuzigte, geschundene tote Christus ist von einer ledernen Haut wie von Pergament überzogen - doch man meint mit Gewissheit, würde man sie mit dem Finger durchstoßen, bräche Licht und Himmel heraus. Die herrliche Auferstehung daneben kann nichts  anderes sein, als die Darstellung einer Erleuchtung. Eine Bild gewordene Vision, die den Himmel offen sieht, ein überwältigender Blick in die ungeheueren Schrecken und Schönheiten der ewigen Gewalten. Ein Blick durchs Schlüsselloch in das Reich Gottes.  Hélène steht gebannt neben mir, ich beobachte sie. Sie wird ein Teil des Meisterwerks, spiegelt es gleichzeitig in ihrer verklärten, reinen und unverstellten Miene wieder und macht es mir  vermenschlicht in diesem reinen verzückten Gesichtsausdruck einer leidenschaftlichen Künstlerin irgendwie noch verständlicher.

Sie hat seit ihrer frühen Kindheit,  als sie das erste Mal ein Bilderbuch der Comtesse de Ségur und später das von Gustave Doré  illustrierte Märchenbuch von Perrault öffnete, eine lang geübte und gern praktizierte Kultur Bilder anzusehen. Sie saugt sie in sich hinein, verschmilzt gleichsam mit ihnen und ihren Botschaften , geht in ihnen auf! Ihr Gesicht leuchtet als Sie ihr geliebtes Bild betrachtet. Warum sollte ich ihr je angesichts dieser gemalten Botschaft des Unendlichen was von der Unendlichkeit der Schöpfung erzählen? Da steh ich nun vor einem Altar, der zu den heiligsten Schätzen des christlichen Glaubens gehört, der Schlüsselszenen aus der Bibel zeigt und neben mir steht begeistert eine von den Beauvoir Schwestern, die  als Teenager zu dem Schluss gekommen waren : Es gibt keinen Gott. Simone hatte es zuerst formuliert. Sie könne nicht mehr an Gott glauben und Hélène hat sich später angeschlossen. Welchen Gott werden die beiden Halbwüchsigen gemeint haben? Den, welchen der Abbé der Klosterschule den kleinen Mädchen einprügeln wollte? Oder den, der als rächender Mann mit dem Schwert im Mund an die Wand der Klosterkirche gemalt war? Den, den ihre Mutter in kritikloser kindlicher Weise ihr Leben lang angebetet hatte und der sie, wie sie bedauerten, nicht von ihrem frustrierten Leben befreite? Den, der die herrliche fleischliche Liebe verbietet, die doch die  Menschen friedlicher verbindet und mehr befriedet als der Tod? Werden sie den rätselhaften Gott gemeint haben, der in unsere Welt nicht nur das Schöne und Gute, sondern auch das Böse erschaffen haben soll, also der Gott, den ihr Vater als hilflos dem Leid gegenüber verspottete ? Hélène ging schweigend mit mir aus der Kirche. Ihr Leben lang würde Sie weitersuchen. Die Stille im Atelier würde ihr helfen den wahren Gott zu entdecken der ewig gütig und liebend ist. In einem der letzten Bilder das Sie schon fast 90 jährig malt begleitet Sie ein großer Engel mit goldenen Flügeln ...Als ich das Gemälde zum ersten Mal durch die Scheiben des Ateliers sah bekam ich der dunklen Figur wegen einen großen Schrecken. Ich wusste was das Bild bedeutete. Heute tröstet es mich ganz eigenartig ...

Gustave Doré und die beiden Mädchen von Comtesse de Ségur : Sie gleichen Hélène und Simone ? H war blond, Simone dunkel.

Von dem herrlichen Ausflug zurück in Goxwiller hatte ich dann zwar wenig Zeit alles zu verarbeiten und mich auszuruhen, aber in solchen Häusern, wie bei meinen Gastgebern, wo der wirkliche  Luxus die Einfachheit ist, kann man sich schnell herrlich entspannen. „Monsieur Hammer !“ Die Stimme von Marie! Gott sei Dank, diesmal hab ich ein gebügeltes oder wenigstens glattgestrichenes Hemd dabei und zieh mein gutes Jackett drüber. Jetzt fahren wir also wie besprochen nach Obernai, wo Lionel ein gutes Restaurant kennt. Wie ich das genieße mit den beiden perfekten Gastgebern.  Die sympathische Wirtin begrüßt uns mit Sekt und Cassis. Ein bisschen süßlich! Ein Schluck Bier wäre mir lieber! Aber das gibt es zwischen der köstlichen Gänseleber, zu dem man Riesling trinkt und dem Fasanenbraten, aus dem man das ganze wunderbare Kräuteraroma des ursprünglichen Elsass schmeckt. Mit Speck umwickelt, klassisch zubereitet, wird er am Nebentischchen tranchiert und dann serviert. Dazu und zum guten Rotkäse gibt es den Elsässer Traminer. Und den reichlich! In der gemütliche Gaststube im alten Winzerhof fangen die Butzenscheiben in den dunklen Fensterrahmen aus Nussbaumholz zu tanzen an. Lionel genießt es sichtlich, als ich ihm erzähle, was ich schon von seinem Kennenlernen mit Hélène weiß. Vom Nüsseknacken im Zugabteil mit Bügeleisen und so weiter. Soll doch ich heute reden – er hat es heute schon den ganzen Tag in seiner Arbeit am Europaparlament in Strassburg getan. Ich stehe heute im Mittelpunkt. Einen Diplomaten neben sich zu haben hat doch auch was Gutes ...

Ölgemälde von Hélène ! Alles lebt ! Alles vermengt sich ! Der gute Elsässer Wein ?

Dann fange ich zum allgemeinen Vergnügen noch mal mit der Maus im Heustadel an und will dann wissen, ob es für Hélène schon immer normal war, so allein zu reisen wie damals.  „Oh“, sie fängt einen Satz gerne damit an, „Durch Italien bin ich auch ganz allein gefahren!“ „Wo waren Sie da überall?“ „Von Norditalien bis  hinunter  nach Sizilien! Nach Neapel!“ Plötzlich unterbricht Lionel, ganz gegen seine Art. Der Wein machte gesprächig. „Da gab´s doch diese  Neapelgeschichte, wegen dem Du dein erstes, wirkliches Zerwürfnis mit Simone und Sartre hattest!“ Jetzt kann Hélène nicht mehr aus. Sie muss erzählen - sie will ja auch beweisen, dass Sie kein Tabu einschränkt, aber ich merke schon, dass sie nicht gerne Intimes oder gar Negatives über ihre Freunde, am Allerwenigsten über ihre Schwester sagt. Aber Lionel hört es wohl gern. „Nun, es war eben eine Meinungsverschiedenheit, die immer mal vorkommen kann! Ich war gerade 25 Jahre alt, bin so was wie ausgerissen wie Sie Monsieur Hammer nach Japan! Ich bin auch fast ohne Geld in der Tasche bis nach Sizilien mit Zug und Bus gereist. Mit einem guten Reiseführer in der Hand habe ich alle wichtigen Städte, Kirchen, Tempel, Kunstwerke und Museen besucht. Ich war damals noch so wissbegierig und restlos glücklich. Ich habe Meisterwerke der Bildhauerei und Malerei gesehen! 

Abends gab es nur etwas Spagetti und morgens Obst! Zu mehr hat mein Geld nicht gereicht, außer natürlich für die Jugendherbergen. Aber dann in Neapel! Welch Schock für mich! Die armen, verhungerten Kinder dort hatten kaum etwas zum Anziehen, bettelten in Scharen! Es war schrecklich, einfach schrecklich! Ich konnte kein Kunstwerk mehr sehen ohne an sie zu denken! Und ich hatte nichts zum Herschenken! Alte Leute starben auf der Strasse, welche Armut, quel tristesse!“

Strassenkinder in Neapel 1935

„Es gab doch damals die große Wirtschaftskrise dort! Und Mussolini übernahm gerade die Macht!“ wirft Lionel ein. Hélène erzählt  echauffiert weiter „Für mich war Neapel einfach ein Alptraum! Zurück von Italien hab ich natürlich Simone und Sartre von der Reise erzählt. Sie haben mir gerne und zustimmend zugehört  als ich begeistert von den Uffizien, Florenz und Rom und erzählte. Aber als ich dann meine Meinung von Neapel mitteilte, fuhren mich die beiden an: „Du hast doch keine Ahnung! Neapel ist ein Traum – die Fischverkäufer die singend durch die alten Gasse ziehen, wo die Wäsche am Himmel flattert! Die Menschen in Neapel sind arm aber glücklich! Neapel ist ein einziges, buntes Theater! Schau dir die Leute in Europa an, wie spießig und steif sind die!“ „Aber“, entgegnete ich ihnen, „würdet ihr im Winter frieren wollen wie die Neapolitaner? Euch mit 20 Leuten eine stinkendes Plumpsklo teilen?  Möchtet ihr gerne ständig Choleraseuchen erleben, die eure Angehörigen hinweg raffen? Ständig hungernd nur ans Essen denken müssen? Nein, für mich ist es zynisch von einer glücklichen Stadt zu sprechen! Ich konnte das nicht genießen!“ Lionel, der ihr sehr aufmerksam zugehört hatte, mischte sich wieder ein. „Ja, das war schon eine ernsthafte Meinungsverschiedenheit die du mit Simone hattest. Und als Sartre kritisch über deine Ansicht an seine damalige Freundin Helga Bost schrieb, hat dir Simone sogar den Brief gezeigt, den er noch nicht abgeschickt hatte, um dich zu demütigen!“ Ich denke mir, seltsam, warum wollte Simone Sartre vor Hélène schlecht machen? Es ist gut, dass jetzt der Nachtisch kommt. Es sind kleine süße Pasteten und eine Schale Fruchteis. Und gleich danach kommt ein Espresso, zu dem ein köstliches Glas Marc de Pinot noir gereicht wird.  Hélène und Lionel haben den Besten für mich ausgesucht. "Aber Simone hat sich immerhin nach Jahren bei mir für ihre Ansicht entschuldigt!" Hélène will das unbedingt noch anbringen: „Denn so war Simone! Wenn sie eine einmal geäußerte Meinung später für falsch erkannte, hat sie diese ohne zu Zögern zurückgenommen, auch wenn es ihr schaden konnte.“

Schon mit 19 Jahren ist Hélène nach Brüssel gereist um das berühmte Museum zu besuchen. Damals brauchte man noch die schriftlicher Erlaubnis zum Pass. Sie ist erhalten geblieben !

Es ist gut, dass jetzt der Nachtisch kommt. Es sind kleine süße Pasteten und eine Schale Fruchteis. Und gleich danach kommt ein Espresso, zu dem ein köstliches Glas Marc de Pinot noir gereicht wird.  Hélène und Lionel haben den Besten für mich ausgesucht. "Aber Simone hat sich immerhin nach Jahren bei mir für ihre Ansicht entschuldigt!" Hélène will das unbedingt noch anbringen: „Denn so war Simone! Wenn sie eine einmal geäußerte Meinung später für falsch erkannte, hat sie diese ohne zu Zögern zurückgenommen, auch wenn es ihr schaden konnte.“

Satre und Simone besuchen eine Ausstellung Hélènes.

Der Nachtisch war verzehrt. Diskret beglich Lionel die Rechnung. Wir fuhren über einen kleinen Feldweg durch die Weinberge zurück. Im Scheinwerferlicht hüpften Hasen am Wegrand herum, Nachtschwalben flogen auf, ein Reh querte den Weg.  Das Elsass war damals noch ein einziger Tierpark. Das kleine Goxwiller war schon tief in Schlaf versunken. Gute Nacht! Hélène fragt mich um wie viel Uhr ich frühstücken will. Ich geh in meine Schlafstube im Nebenhaus wo immer noch die Bücherregale aus der Zeit stehen als das Haus umgebaut wurde und Hélène und  Lionel dort schliefen. Einfache hohe Ziegelsteine  auf denen Bretter liegen tragen Bücher von hohem Wert, obwohl die schönsten natürlich schon im Haupthaus aufbewahrt werden.

Da stehen viele philosophische Bände auf einfaches Papier gedruckt , man sieht ihnen an dass sie in einer entbehrungsreichen Zeit gedruckt wurden , darunter natürlich auch Werke von Sartre und Simone, eine Luxusausgabe von Hitlers „Mein Kampf“, sicher eine Erinnerung an die Zeit in Wien 1946  bei alten kostbaren Kinderbüchern. Doch mich zieht eine Ölstudie von Hélène an, die in einem schlichten Rahmen aus Holz  neben einem Foto mit der Mutter  steht.

Hélène beim Skifahren mit Lionel (unten). Öl auf Malplatte von Hélène de Beauvoir.  Dahinter wahrscheinlich Sartre mit Simone.

Vor der Abfahrt ca. 1960
1960
Aufstieg ca. 1935
Im Winter ca. 1930

 Ich erkenne Hélène beim Skifahren mit Lionel. Sie ist mit Knickerbocker bekleidet über dem sie einen roten Anorak trägt. Ich schlafe tief und fest. Am nächsten Morgen weckt mich wieder ein Schrei. Ich kenn sie schon, die Stimme von Marie. Klein und fröhlich winkend steht sie unten als ich mich verschlafen aus dem Fenster bemerkbar mache.  Sie schielt etwas und hat ein verrunzeltes, doch immer lachendes Gesicht. Später erfahre ich dass Sie einen behinderten Sohn zu Hause hat und froh ist bei Hélène Geld für dessen Unterhalt dazu verdienen zu können. Und dass sie in den Tagen nach Lionels Tod eine echte Freundin für Hélène wird..

Ein paar Jahre später... „Wie fleißig Du warst Hélène!“ Hélène de Beauvoir zeigt mir ihre Bilder – wir suchen für eine Ausstellung Ölgemälde aus. Die  Scheunen in ihrem Haus im Elsass in einem kleinen Winzerdorf am Fuß von San Odile sind voll von ihren Werken – ein Schreiner hat dafür zweistöckige Regale aus groben, starken Latten gebaut – gerade kommt Sie noch an den unteren Rand der Bilder in der oberen Etage. Sie hat ihre Scheunen gefüllt. Obwohl Sie lebenslang gut verkauft hat, viele Ausstellungen in Galerien der ganzen Welt hatte – es gibt einfach immer noch viele Ölbilder da. Wie eine fleißige Elsässer Winzerin im Weindorf Goxwiller ihren Weinberg und Weinkeller hat sie Tag für Tag um neun Uhr ihr Atelier betreten und mit einer kurzen Mittagspause bis fünf Uhr am Nachmittag gemalt. Und vor dem Verlassen des Ateliers immer die Pallete mit Terpentin gereinigt und die Pinsel ausgewaschen.

Es sind meistens Werke aus ihrer letzten Schaffensperiode, die sie nach und nach aufstellt. Plötzlich stutzt Sie. Ein ganz ungewöhnliches Bild, das gar nicht zu den anderen Bildern, die zwischen ungegenständlich und gegenständlich chargieren, passt, hat sich zwischen den sauberen, auf Keilrahmen gespannten, bemalten Leinwänden versteckt.  „Oh, Mone y moi!“ Es ist ein Doppelporträt, realistisch, in den Farben sehr weich, pastös, eine kleine rosa Wolke schwebt über den beiden Schwestern im himmelblauen Hintergrund. Mone, so haben Hélène und ihre Eltern, der Rechtsanwalt George de Beauvoir und die Mutter Francoise de Beauvoir, geborene Brasseur, ihre älteste Tochter Simone immer angesprochen und genannt, niemals mit Castor, wie die Clique um Sartre.Simone ist mit dunklem Haar dominant, groß im Vordergrund dargestellt, der rechte Mundwinkel ist nach oben ausgezogen, so als wolle man mit Gewalt jemanden zum Lächeln  zwingen – im Hintergrund, als wollte Sie sich verbergen, etwas wie eine blassere Kopie, Hélène. Simone im blauen Kleid blickt energisch selbstbewusst geradeaus. Hélène hat sich in einem Kleid in ihrer Lieblingsfarbe gelb gemalt, der Blick ist gesenkt, verschwommen. Rechts ein großer Kristall, Hélène hat Kristalle gesammelt, ich hab Ihr gerne als Gastgeschenk  welche mitgebracht. Vor den Beiden in grün und rotviolett ein Zweig blühender Glycinien. „Es ist mir nicht gelungen, ich bin nicht zufrieden.“ „Aber Hélène, es ist doch gar nicht so schlecht.“ „I can not terminate it!“ Wir sprechen meistens Englisch miteinander, mischen aber auch Französisch mit Spanisch und Deutsch. Hélène kann Englisch und Portugiesisch perfekt, Italienisch und mehrere andere Sprachen gut. Ihr Mann Lionel war Diplomat. Ich spüre, da ist ein Unbehagen zwischen Ihr und dem Bild, das bis zur Zerstörung des Kunstwerks durch Sie führen kann. Und ich mache etwas, was ich ungern tue, ja was mir im Innersten fremd ist: Ich bitte um etwas. Und sage: Hélène, wenn Du es mir schenkst – ich werde es sehr gut bewahren. Es würde mich sehr glücklich machen, denn es erinnert mich immer an Dich.“ Sie stutzt, ist so erstaunt wie ich über die Bitte... Sie weiß, dass das Bild einen ziemlichen Wert hat, dass es geschichtlich interessant ist. Sie hat lange daran gearbeitet, später finde ich unter ihren Skizzen zwei Entwürfe,  sogar signiert, es kann ihr doch gar nicht so gleichgültig  gewesen sein.  Sie bleibt einen Moment unbeweglich, stumm und sagt dann „Its for you.“

Das Hündchen Tripeltrapel. In Meyrignac im Limousin, dem verlorenen Paradies der Schwestern Hélène und Simone, siebzig Jahre vorher. Ein kleines süsses Mädchen, man muss dieses etwas kitschige Wort verwenden, denn es trifft am besten auf Hélène in dieser Zeit zu, spielt im Garten des großen Gutes des Großvaters mit einem kleinen Hündchen aus Pappmaché. Hélène ist etwa vier Jahre alt. Das Dienstmädchen, sie war gleichzeitig Amme von Simone, man liess Kinder früher an der Brust von bezahlten Dienerinnen trinken, hat ihren kleinen Sohn dabei. Die Mutter von  Hélène sagt: „Ach, der arme Kleine hat keine Spielsachen, schenk ihm doch eins von Deinen!“

Hélène hat viele Spielsachen, die adelige Familie de Beauvoir ist noch reich, eine ganze Schachtel voll steht neben ihr. Sie hat ihr Lieblingsspielzeug,  ein Hündchen aus Pappmaché, sie hat es Tripel-Trapel getauft, in der Hand. Sie könnte ihm aus der Spielzeugkiste etwas aussuchen lassen – sie überlegt einen Moment, dann streckt Sie ihm ihr Lieblingspielzeug hin. „Wenn man etwas herschenkt, sollte es etwas sein, was man besonders gerne hat.“ Welch ein verblüffender, großzügiger Gedanke, den ein Kleinkind da entwickelt und ausführt ! War es Ihr angeboren?  Sie erinnert sich sehr spät in ihren Memoiren, da ist Sie schon älter als siebzig Jahre, dankbar an die Erziehung zu Großherzigkeit und die Werte, die ihre Mutter ihr gelehrt hatte. Und Sie spricht davon, dass diese einige bittere Erfahrungen ihrer Erziehung kompensiert haben. 

Hélène links mit ihrer Schwester Simone

3 Jahre vorher : Ich lerne Hélène de Beauvoir kennen.

Die wenigen einsamen asiatischen Gestrandeten , die das unsichere rostige russische Schiff, (das nur einmal in der Woche zwischen Sibirien und Japan fährt) eilig verlassen haben werfen nur kurz einen Blick auf den ungetrösteten, hochgewachsenen Europäer der mit einer kleinen Tasche in der rechten Hand den ungewissen düsteren Weg zu ihrem Seelenverkäufer im Morgengrauen im Hafen von Yokohama zögern geht. Sie kommen, er geht, und alle durchqueren rasch diesen mit seltsamen (keiner kann sie entschlüsseln) Zeichen beschmierten eisernen Ort der versunkenen Anker und glänzenden Gleise am rostbraunen Pier, der dennoch ein ehrlicher Ort ist, weil er weder Bleibe noch gute Nähe oder gute Ferne verspricht sondern weiterschickt. Und da alle diese armen Weisen, die da im dicken Nebel hasten, ihre Packen auf den Rücken tragend oder nachschleifend, wissen, dass, wie auch immer, es im Letzten ein erbärmliches Schicksal ist auf dieser Erde das Leben durchleiden zu müssen und es besser ist sich ein für alle mal drauf einzustellen – und gerade weil sie diese zwar schreckliche aber klare Regel verstehen, besteht unter diesen ärmlichen fast unsichtbaren menschlichen Erscheinungen, von denen fast keiner eine Sicherheit auf der Bank oder in einer Familie hat (vielleicht einen kleinen Job in der Reederei) im nächtliche Hafen von Yokohama das Gefühl oder besser das Wissen einer geheimen Gemeinschaft anzugehören die keiner gegründet oder benannt hat und daraus wiederum eine heimliche tröstende Vertrautheit und ein seltsamer heiliger Trost den sicher alles Leid dieser Welt nie mehr nehmen wird weil dieser Trost keinem etwas wegnimmt, nirgends geschrieben ist und rein ist. Diese reichen Armen wollen wenig und wohlwollen viel, viel mehr als die in vorgebliche Sicherheit und Sattheit Lebenden und Leidenden (denn nur abgrundtiefe Ängste und Einsamkeiten sind Ihre Seelenschätze) die sich jetzt in ihren gleichen Wohnungen in der großen Stadt Yokohama schlaflos im Bett umdrehen und die keine Ahnung bekommen dürfen von ihrem wahrhaft ekelhaften Dasein das sie betäubt durch eine Menge Materie und falscher Glücksmomente.

Er kramt nach der ängstlich gehüteten Schiffskarte in der Brieftasche, findet seine einfache kärgliche Kajüte. Er hatte ja nur die billigste Tour buchen können. Doch besser als in dem erbärmliche kleinen Holztempel zwischen den Grabsteinen in dem er zuletzt auf dem Boden schlief ist es allemal! Und es gibt endlich wieder warmes Essen aus einer Küche.

Auf dem Schiff reisen meist nur Russen und Asiaten und so setzt man die einzigen vier Europäer,  die diese ungewöhnliche Route aus wer weiss welchen Gründen gewählt haben zusammen an den weiß mit steifen, dicken Tischtüchern und harten Servietten gedeckten Tisch: Die feine, blonde, sehr hübsche, sehr elegant gekleidete distinguierte Französin mit den sanften Augen und der weichen hellen Haut, die wie eine Vierzigjährige aussieht aber wahrscheinlich doch etwas älter ist, sitzt unserem hochgewachsenem Deutschen, den man wohl auf dreißig schätzen kann, gegenüber. Er ist groß, abgemagert aber nicht hager und an seinem Gesicht mit hoher Stirn dem ein Schnurbart nicht schlecht steht fallen besonders seine  Augen auf, deren Ausdruck man wohl früher als romantisch bezeichnet hätte die aber mit einem unerwarteten Glitzern überheller Wachsamkeit im Hintergrund überraschen, das wohl weniger angeboren als den Resten eines noch nicht ganz verheilten, nicht weit zurückliegenden Traumas zu verdanken ist. Die hellbraunen Kopfhaare sind eine Spur zu lang und er wirkt etwas verwildert, fast so, als ob er nicht aus dem belebten hochkulturellen Japan sondern aus einer zivilisationslosen Einöde komme. Rechts und links am Tisch von den beiden hat sich mit geradem Rücken ebenfalls gegenübersitzend, im Partnerlook, ein in teure klassische Anzüge in Schwarz mit Streifen gekleidetes kanadisches Ehepaar, beide attraktiv, Erfolg und Wohlstand ausstrahlend, beide etwas über 40 Jahre alt, niedergelassen. Man einigt sich schnell darauf Englisch zu sprechen. Wie bei solchen Reisebekanntschaften üblich fragt man nicht sofort nach dem Namen sondern nach dem Weg: Woher kommen Sie? Wohin geht es weiter? Und man erzählt, was man so tut.

Auf dem alten, oftmals weiß auf weiß gestrichenen Schiff, das an der Ostseite Japans nach Norden Kurs hält um dann zwischen den zwei Inseln im Süden von Hokkaido Kurs auf Nachotka zu nehmen, sind die Kabinen zwar spartanisch eingerichtet, doch das Servicepersonal, das auch das Essen kocht und aus zwei kräftigen kleinen Frauen und einem stämmigen, großen Mann besteht ist gegenüber den Ausländern besonders aufmerksam. Sie wissen, dass diese manchmal ein Trinkgeld geben das einen Monatslohn übersteigt und sie wollen oder müssen den Ausländern auch beweisen wie gut es ihrem kommunistischen Volk geht und so bringt man von dem einfachen Essen riesige Portionen auf den Tisch. Es gibt in viel Fett schwimmendes, geschmortes Fleisch, Kartoffeln dazu, eine große Schüssel brauner Soße und Kohlgemüse. Alle wählen zum Essen Weißwein und Wasser, die Kanadier nehmen roten Wein. Dem Deutschen fällt auf mit welcher Eleganz die Französin ihren Essplatz verfeinert, so als hätten Ihr mehrere Generationen die einfache Handbewegung eine Serviette auf den Tisch zu legen und das Besteck auszurichten, weitervererbt und veredelt. Sehr routiniert wechselt Sie ein paar höfliche Worte mit den Kanadiern, die ihr die Schüssel als Erste anbieten, legt sich ein paar Happen auf den Teller, wartet bis alle versorgt sind und beginnt mit einem freundlichen „Bon appetit“ zu essen. Nachdem sie ein paar kleine Happen zu sich genommen hat wendet Sie sich dem Deutschen zu, amüsiert, weil dieser die angebotene Schüssel nicht ablehnt sondern sich noch einmal reichlich bedient: „Bitte nehmen Sie sich ruhig noch etwas von meiner Schale, hier sind auch noch Bratkartoffeln, ich esse nie viel, lieber esse ich etwas Obst nachher.“ Ja, es ist doch etwas Seltsames um den jungen Mann, er ist so abgemagert, sein Hemd und Jeans  zwar sauber, aber ungebügelt. Es gibt Nachtisch, gelben Pudding mit einer weißen Cremespitze. Die Kanadier erzählen von ihrer Weltreise, ihren Buchprojekten und von berühmten Schriftstellern, die sie kennen. Und der Deutsche erzählt, dass er zuletzt in den Bergen gegenüber dem Fujiyama  gewohnt hat, in einem alten Holztempel. Und dass er sich mit Zen beschäftigt, Zen studiert und geübt hat und Managern von Toshiba Deutsch unterrichtet. Die Französin, die bis dahin nur beiläufig allen zuhört, wird, nachdem das Wort Zen gefallen ist, plötzlich sehr aufmerksam, beugt sich etwas vor und fragt ihn, hochaufmerksam präsent, in mildem Tonfall, aber doch so, dass man weiß, sie wird sich nicht mit Floskeln abspeisen lassen: „Oh. Das ist interessant. Was haben Sie da erlebt?“ Der Deutsche, er, der offensichtlich aus tiefer Einsamkeit kommt und von dem man also erwarten sollte, dass die Fülle an gefangenen Erlebnissen aus ihm herausplatzen würde reagiert seltsam, zieht sich zusammen, stammelt , so als ob er nicht seine äußeren Erlebnisse sondern nur seine inneren zutiefst eigenen Erfahrungen erzählen sollte, ja als ob nur die schrecklich schönen ungeheueren Weiten der Seele für Ihn existierten: „Entschuldigen Sie bitte. Aber das kann ich nicht, es gibt keine Wörter dafür, erst muss eine neue Zeit mit bedeutenderer Sprache und großen Wörtern kommen.“ Die kleine, feine Pariserin schaut ihn weiter bittend und nicht ungehalten an, also fährt er fort: „Ich werde Ihnen morgen gerne erzählen, wo ich gelebt habe und was mir in Japan passiert ist. Bitte entschuldigen Sie mich, ich werde mich gleich zurückziehen – ich bin  nicht gewohnt, viel zu essen, ich bin müde.“

 

Auf dem erbärmlichen, schwankenden Passagierschiff von Yokohama nach Nahodka gibt es zwar keinen Aufenthaltsraum außer dem Speisesaal, aber, und das muss man sehr loben, einen kleinen Musiksalon. Der deutsche Passagier ist spät aufgestanden und alle seine Tischnachbarn von gestern haben sich nach dem Frühstück in ihre Kabinen zurückgezogen. Man hat ihm, trotz Verspätung, noch etwas Brot und Butter und Marmelade und dünnen Kaffe auf denselben Tisch gestellt, an dem die Vier, die aus drei verschiedenen Ländern zusammengetroffen waren, abends zuvor die ersten Kontakte aufgenommen hatten. Dann beginnt er das Schiff zu erkunden, doch es gibt nur einige Gänge mit eisernen Treppen und kalten Handläufen und auf Deck ist es kalt und windig und so findet der seltsame Fahrgast diesen Musiksalon, in dem sich fast nie jemand aufhält. Es ist ein recht kleiner Raum mit einem Bild, einer gedruckten Stadtansicht von Sankt Petersburg, das an die Wand geschraubt ist und mit einer kleinen runden Fensterluke. An der schmalen Seite des Salons steht das Klavier, das für unseren Deutschen offenbar so etwas wie Heimat ist, denn irgendwie atmete er freier durch, richtete sich auf. Seit seinem Flug vor acht Monaten von Brüssel über den Nordpol nach Tokio hatte er kein Instrument mehr gespielt und er war es gewohnt. Es ist ein schwarzes Klavier wie es bei seinen Eltern zu Hause stand... Er klappt den Deckel hoch - über den Tasten liegt ein langer grüner Filzstreifen den er behutsam ganz nach rechts schiebt, er fängt an zu improvisieren, leise, tastend, den eigenwilligen Klang dieses schwimmenden, schwankenden Klaviers erfühlend, zuerst mit den einfachen Lieder aus seiner Kindheit: „Es klappert die Mühle - es mahlet der Müller -  das kräftige Brot - keine Not“ – er ist im Krieg geboren, ein Hungerkind, ein Speikind, er war jetzt wieder abgemagert – „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg“, „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein“, er hieß Ludwig, nicht Hänschen, das Lieblingslied seiner Mutter: „Hoch vom Dachstein an ...“. Endlich improvisiert er freier, am Anfang sogar über japanische Melodien die sich später seltsam mit rhythmischen Stücken aus den slawischen Tänzen von Dvorak mischen, die Zauberflöte von Mozart ertönt, ein Walzer von Strauss und manches ihm liebe Stück mehr, dann lässt er sein Spiel mit fast atonalen Klängen leise und langsam ausklingen. Er atmet wieder tief durch. Er fühlte sich freier. Ein weite Stille schwebt im Raum. Dann deckt er ganz bedächtig, ja feierlich und dankbar die Tasten zu. Als er sich umdreht erschrickt er. Zwar nicht so, wie er über einen lauten Schlag an die Bordwand erschrak als er in der Kajüte lag oder wie über die seltsame Gestalt die sich vor ihm in der Dämmerung in den Schiffsgängen versteckte, nein, es ist mehr so ein erstauntes Erschrecken wie wenn man beim Verpacken  ein kleines Geschenks entdeckt wird. In der hinteren der wenigen Stuhlreihen in dem kleinen Salon sitzt die feine, liebenswürdige Dame die ihn gestern so gut umsorgt hatte. Sie ist unbemerkt in den Raum gekommen und hatte ohne Zweifel sein kleines Konzert mitgehört. Und Sie weiß jetzt viel über ihn, das spürt er sofort, denn sie hat eine Antwort in der Sprache der Musik auf ihre gestrige Frage, die er nicht mit Worten beantworten konnte, bekommen. „Entschuldigen Sie bitte mein Hiersein! Aber es hat mir sehr gefallen, wie und was Sie gespielt haben! Danke für das kleine Konzert.“ Sie liebt Musik. Wenn man sich über die Mittel der Kunst verständigt oder verständig macht – mit einem Blick auf ein Bild,  mit dem Hören einer Melodie, mit dem Lesen eines Gedichts – dann weiß man intuitiv vieles, ja fast alles über den Schöpfer und Schaffenden. Und seit diesem Konzert im Musiksalon steht ihre Freundschaft zu dem geheimnisvollen Deutschen fest. Doch da ist noch etwas, was sie mit ihm verbindet und was Sie ihm erst später erzählen wird: Auch Sie hatte in jungen Jahren Entbehrungen auf sich genommen, Hunger gelitten wie er, um ihrem inneren Ruf, ihrer Bestimmung zu folgen und um Antwort auf ihre innersten Fragen zu bekommen. Sie hatte sich ebenfalls vor dem Treffen mit dem neuen Bekannten aus Bayern, denn da war er her, an die japanische Kultur natürlich über deren Essenz, dem Zen angenähert und sie hatte in der Kindheit auch Klavierunterricht bekommen. Sie gehen wieder zurück in den Speisesaal und er erzählt ihr stockend, doch immer vertrauter und erleichtert über die Zeit in Japan, die ihn, wie er es ausdrückt: „gerettet und geklärt hat“ und geheimnisvoll fügt er noch  ein paar Worte dazu, die er sich vielleicht angelesen hatte, dazu: „man hat es, aber man hat es vielleicht erst wirklich, wenn man es nicht mehr weiß“ und dann, das kommt von ihm “ es ist so ungeheuer wundersam schrecklich und gerade deshalb über alle Begriffe tröstend, weil jeder weitere Schrecken, den das Leben bieten kann, für immer davor fliehen muss.“

Nach dem Gespräch im Speiseraum, die Tische werden schon für das Abendessen gedeckt, kommen wieder die Kanadier vorbei, sie wollen gerne mit der Französin sprechen, aber diese hat nur noch Interesse für die Geschichten des Deutschen. Nach Stunden zieht Sie sich dann  mit einem Buch in einen Sessel zurück und der Deutsche, das Wetter war besser geworden, steht oben an Deck ganz vorne an der Reling und atmet Freiheit und Hoffnung und Zuversicht als er unten im Seewasser ein lebendiges Sprudeln bemerkt. Vor dem Bug des Schiffes spielen Delphine in den aufspritzenden Wellen – genießen vergnügt die Kraft des künstlichen Antriebs wie Wellensurfer die Wogen, die harten glänzenden Leiber der schönen Tiere führen in der Luft sich drehend einen Tanz auf, die klugen Augen glänzen freundlich. Er läuft sofort nach unten zu seiner neuen Freundin: „Kommen Sie, es ist herrlich - Delphine an der Spitze des Schiffs.“ Sie ist glücklich und sprachlos vor Erstaunen, entzückt studiert Sie lange das herrliche Schauspiel. Und macht anschließend im Speiseraum zu seinem Erstaunen sofort  Skizzen aus der Erinnerung in einen kleinen Zeichenblock.

Bleistiftskizze von H de Beauvoir

„Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie sich da so befreundet haben?“ fragt der kanadische Schriftsteller später kurz vor dem Anlegen im Sibirischen Hafen etwas neidisch auf dem Deck des Schiffs den Deutschen. Die Französin muss gerade ihre Papiere vorzeigen und ist abgelenkt, der Deutsche hat ihre vielen Taschen und Schachteln, die Japaner haben ihr eine Menge Geschenke mitgegeben, auf Deck gebracht. „Nein, keine Ahnung, aber Sie ist eine sehr außergewöhnlich sympathische, reizende Frau!“, antwortete der Deutsche. „Aber, hören Sie zu ! Es ist eine Beauvoir – die einzige Schwester von Simone! Der berühmten Schriftstellerin. Sie ist Malerin“ „Was hat die Beauvoir noch einmal geschrieben?“, fragte der Deutsche und der Kanadier ist entsetzt. „Die Beauvoir ! Die mit dem Prix Goncourt! Und unsere Tischnachbarin ist ihre einzige Schwester und Malerin ! “ Dann wird es höchste Zeit Abschied zu nehmen. Hélène fragt ihren neuen Bekannten: „Sie fahren mit der Transsibirischen weiter? Das müssen Sie mir aber später einmal erzählen. Und sie müssen über die Zenkünste und ihre Erfahrungen berichten. Wir hatten ja immer noch zu wenig Zeit dazu. Wir müssen uns wiedersehen. Kommen Sie doch, ich bitte Sie herzlich, in mein Haus im Elsass. Mein Mann und ich werden sie gut empfangen.“ Sie gibt dem Deutschen, jetzt kann ich es verraten, das bin ich, beim Abschied ihre Visitenkarte, auf feinstem Bütten handgesetzt: Hélène de Beauvoir. 135, Rue de l’Eglise, 67210 Goxwiller, Tel. 88955260, und er verspricht sie zu besuchen.

Im Transsibirienexpress nach Prag

 

Der Transsibirien Express ist ein magischer Zug. Einsam lässt er die Menschen werden und die niedrige silberne Endlosigkeit  die er mit rhythmischen Schlägen durchreist drängt die Menschen zusammen. Man hat viele Samoware aufgestellt, in jedem Wagon gibt es einen, es muss ständig etwas Warmes in der Nähe sein denn die Kälte draußen droht. Und wenn der Zug an einer abgelegenen Station anhält wo ein paar erbärmliche aber liebevoll mit geschnitzten Fensterumrahmungen verzierte Holzhäuser sichtbar werden, dringt der Wind der Armut und Verlassenheit durch die für eine Minute niedergelassenen Fenster bedrückend in die Abteile. Dann werden die eisernen Hebel der Fensterverschlüsse wieder nach oben gerissen und man ist froh die traurigen in dicke Mäntel oder Pelze gehüllten Menschen die in den Bahnhöfen eingemachte Pilze und kleine Äpfel verkaufen vergessen zu können.

Wie auf dem Schiff  tun sich die Ausländer zusammen. Man versteht sich schnell, hört Abenteuer, die sie voller Stolz erzählen. Ich bin schweigsam. Ich bin nicht mehr gewohnt zu sprechen - wer aus dem Schweigen kommt leidet nicht nur unter den Phrasen und Nichtigkeiten die oft in solchen Zufallsgesellschaften erzählt werden. Froh ist man wenn jemand kurz und klar sachliche Informationen weitergibt. Manchmal gelingt es mir und durch eine geschickte Frage dreht sich das Gespräch dann doch um und wird tiefsinniger oder beschäftigt sich wenigstens mit dem Sinn des Reisens.

Schon bei der Abfahrt war mir eine hübsche Russin aufgefallen, elegant gekleidet, hoch gewachsen und locker. Sie stellte sich als Zugbegleiterin vor. Man hatte also einen Vorwand sich ihr zu nähern. Die drei Männer unseres Zugabteils taten es gern. Und sie hielt uns nah und doch weg.  Und lenkte immer das Gespräch auf politische Themen. „Was halten Sie von Lenin? Vom Kommunismus ?“ Es war schon recht lästig wo wir doch alle in diesem letztendlich rollenden Gefängnis nur einen Flirt haben oder doch wenigstens schönere Themen besprechen wollten! Außerdem hätte Sie eine Menge Antworten bekommen, wenn Sie sich nur einmal ein paar Waggons weiter bei ihren Landsleuten umgeschaut hätte, aber diese hatten sicher davor Angst, ihre ehrliche Meinung zu sagen. Ich blieb nicht gerne in meinem Abteil, einer der Weltenbummler, der ständig Vitaminpillen einwarf und auch anbot, lästerte ohne Unterlass über die schlechte Küche - er habe das schon vorher gewusst dass es die 7 Tage im Zug keinen Salat geben würde - nervte mich und ich machte mich auf den Spaziergang durch die Abteile. In den Abteilen der Touristen gab es 4 Liegen, die man nachts zum Schlafen aufklappen konnte. In den überfüllten Abteilen der Werkschaffenden dagegen gab es für viele keine Möglichkeit sich hinzusetzen.  Natürlich fiel ich dort sofort auf, als ich versuchte mit einigen Mitfahrenden ins Gespräch zu kommen und es endete fast immer damit, dass mich jemand auf den Gang verfolgte, wo er mich einigermaßen unbemerkt darum bitten konnte, Ihm eine deutsche oder englische Zeitschrift zu schenken. Es war beängstigend und rührend, mit welcher Inbrunst und Dankbarkeit sie diese in ihren Jacken verschwinden ließen.

Die schöne Betreuerin für die Ausländer begann nun, der Zug rollte und rollte,  diese offen zum herrschenden Kommunismus bekehren zu wollen - aber diese waren recht unwillig und so begann Sie uns offen und direkt in Gruppen einzuteilen : unverbesserliche Kapitalisten und Unpolitische sowie Interessierte. Ich kam in die Abteilung Anarchist, weil ich an allen Systemen was zu meckern fand.

Gott sei Dank für mich gab es im Abteil noch eine junge, rothaarige, sommersprossige, ewig strickende Engländerin und das Rütteln im Zug schaukelte mich immer mehr in ihre Richtung, was Ihr gut zu gefallen schien. Das endete am Schluss so, dass alle anderen, sogar der nervige Weltenbummler, das Abteil verließen, um uns etwas Alleinsein zu gestatten. Viel weiß ich von dieser eigenartigen Verlobung nicht mehr, nur, dass sie es irgendwie schaffte selbst bei ihren Umarmungen weiter zu stricken.

Leider oder Gott sei Dank gelang es einer höheren Fügung durch einen geschickt vollzogenen Schachzug mich in eine anderes Abteil zu beamen und der langweiligen Britin und der dominanten Kommunistin und den anderen Nervensägen zu entkommen und so  saß ich plötzlich wie durch ein Wunder neben einer weißhäutigen, lustigen Japanerin die nach reichem Elternhaus nur so stank. Und das kam so. Einer der zwei Weltenbummler aus meinem Zugabteil, mit dem ich mich etwas angefreundet hatte überredete mich bei einem der Zugstopps in einen nahen Laden in einem armseligen Dorf zu laufen um etwas zum Trinken und Essen zu kaufen. Da muss man dazu wissen, dass es im Speisewagen zwar eine riesige Speisekarte mit etwa sechzig Gerichten darin gab aber die vielen Leckerbissen wie Hummer, Kaviar und Hirschbraten die aufgezählt wurden waren nie zu haben und es war stets nur das eine erhältlich : Gulasch, Gulasch mal mit, mal ohne Sauerkraut. Ich mag ja Gulasch gern, aber wenn man es drei Tage lang mittags und abends essen muss wird es doch etwas eintönig, noch dazu weil das Bier, mit dem man es hätte verdauen können sofort nach dem Eintreffen im Zug von einer mitfahrenden Offiziersmannschaft kassiert wird. Auch ein Schluck Rotwein war nie da. Also, wir verließen den Zug um etwas entfernt in einem typisch sibirischen Holzhaus einen Gemischtwarenladen zu finden in den man uns zuerst fast nicht reingelassen hatte, weil man so einen Besuch noch nie erlebt hatte und wohl an einen Terrorüberfall o. ä. dachte. Als man uns dann  doch endlich etwas Proviant und eine miserable Flasche Wein verkauft hatte, die wir, egal wie sie schmecken würde mit Genuss im Zug trinken wollten, war dieser weg. Wir standen an einem elenden einsamen Bahnsteig durch den der Wind den Schnee fegte – und der Zug war weg, mit unserem Koffer, ja mit den Handtaschen und Mänteln! Als wir dann endlich in dem kleinen Wärterhäuschen einen verblüfften Schaffner auftrieben der uns ein Taxi besorgte mit dem wir den Zug in die nächsten Stadt verfolgten war der dort auch schon weg. Immer mit der Ruhe meinte man, in acht Stunden kommt der nächste Sibirienexpress und das mit dem Gepäck organisieren wir. Tatsächlich, ohne alles steigen wir in den nächsten Zug und tatsächlich: zwei Stationen weiter steht unser kleiner Haufen Taschen verlassen und einsam aber vollzählig auf einem Bahnhof und wir können es reinholen. So hatte ich also die Engländerin und die schöne Agentin auf einen Zug verloren und saß nun einer Japanerin gegenüber, der es sehr gefiel dass ich in ihrem Land fast ein Jahr verbracht hatte. Immer wenn unser Express in einem größeren Bahnhof hielt auf denen stets eine beschriftete Statue von Lenin herumstand rief Sie voller Entzücken aus : „Ouh, how wonderful, I like the beatles, here in Rusia they love realy very much John Lenon !“

Es schien eine interessante kurzweilige Reise nach Moskau mit Ihr zu werden zu werden! Leider fuhren aber auf einem Bahnhofbahnsteig plötzlich entlang des Zugs lange Gepäckwägen auf und viele Uniformierte stürmten unseren Zug um alles zu konfiszieren wofür man keine Kaufquittung vorlegen konnte, selbst unsere Armbanduhren ! Könnten ja in Japan gekauft und nicht versteuert worden sein! Wer hat schon für die Armbanduhr, die man zur Kommunion geschenkt bekommen hat den Kaufbeleg dabei ? Ich verlor neben dieser außerdem alle Geschenke japanischer Freunde darunter herrliche Unikate, Holzschnittplatten, kleine Raku Keramiken und Buddhastatuen. Dafür bekamen wir einen unleserlichen  Zettel in russisch, wir könnten in Moskau nachfragen. Ein langer Wagen voller Beutestücke ruckelte vor unseren verblüfften und entsetzten  Augen davon während die pelzbeschirmten, mit Maschinengewehren bewaffnete Räuber die Türen von außen verschlossen und den Zug abfahren hießen.

Nun, dachte ich mir, wenigstens habe ich jetzt  etwas zum Erzählen, wenn ich meine neue Bekanntschaft in Frankreich besuchen werde. ...

Die kleine, süße Japanerin im Abteil gegenüber hatte eine Europarundreise geschenkt bekommen und schaffte es selbst im Zug sich immer wieder aus einem großen Koffer mit neuen, teuren Kleidungsstücke umzukleiden. Aber nach zwei Tagen war Sie dann doch total geschafft und jammerte über die beschwerliche Reise. Das war ihr zuviel Abenteuer! In der Mitte Sibiriens durchquert man endlose schneebedeckte Ebenen, die nur mit niedrigen, weisssilbern schimmernden Birkenwäldern  bewachsen sind. Dort musste  der Zug auf offener Strecke halten, um einen Gegenzug vorbeizulassen. Ich hatte einen Fensterplatz und schaute gerne, wie gerne hätte ich einen Luchs oder ein Reh gesehen, auf die eintönige aber eben deshalb großartige Landschaft der sibirischen Taiga – . Plötzlich erscheint wie eine magische Erscheinung die sich aus den Geflecht der hellen Birken löst ein Trapper, der auf kurzen Schneeschuhen aus Filz und Leder seinen Weg durch die Wälder zieht, mit einer grauen Pelzmütze bekleidet, die Schultern mit hellen Pelzen über einem Jagdmantel behangen aus denen ein Gewehr hervorschaut, Er beachtet den stehenden Zug kaum und als er dann doch einen Blick zu mir hochwirft spüre ich die ungeheuere Stärke die Einsamkeit schenkt und bekomme unvermittelt in einem betäubenden Augenblick ein Bild der großen Weite vorgestellt, das mir mehr als ein langer Film oder ein dickes Buch über das geheimnisvolle Land erzählt das ich durchreise.. Und eine andere Botschaft empfange ich diesen einem Moment wie eine intensive Eingebung : Es gibt keine Zeit. Die Welt, das All ist in der ewigen Ruhe der Unendlichkeit, nur wir bewegen uns oder glauben uns zu bewegen. Und erschaffen unsere gleichzeitig bestehende und inexistende Zeit. 16 Jahre später, 1986, werde ich der Schwester meiner neuen Bekanntschaft auf dem russischen Schiff, Simone de Beauvoir, kurz vor ihrem Tod  in die gütigen müden Augen schauen und Sie wird denselben losgelösten grenzenlosen Blick haben : als käme Sie aus der weiten einsamen Landschaft der Zelle eines Klosters - oder - besser gesagt, Sie ginge dahin und ich kann wie gesegnet den tröstenden Glauben an das ungeheuere Potenzial der herrlichen und göttlichen und doch unvorstellbar gequälten Menschheit mitnehmen.

 

Meine süße, kleine japanische Begleiterin ist für solche scheinbar unerfreulichen Bilder unempfindlich geworden, von Zen weiß Sie nur, dass sich in den Filmen damit die Samurais  zum Kampf trainieren..

Ich ziehe mich mit einem Notizblock in so was wie einen Speisewagen zurück und versuche ein Bier zu bestellen. Nichts zu haben. Ich hab aber doch gesehen wie sie beim letzten Zugaufenthalt 20 Kisten reingeschleppt haben ! Ich versuche meine Bestellung mit dem Lexikon deutlicher zu machen als ein Tisch voller Uniformierter auf mich aufmerksam wird. „Komm her! Du französischer Journalist ?! „ Mein Notizblock hat mich als jemanden verraten der gern schreibt. Aber wie kommen sie auf Franzosen? So schnell kann die Französin vom Schiff doch nicht abgefärbt haben ! Egal. Sie laden mich ein und ich bekomme endlich ein Bier in meine bayrische Kehle. Die Offiziere sind bester Laune und fangen dann an den Asketen zum Wodka einzuladen. Das ist Russische Seele, sagen Sie mir dazu, serr gut! Großes Glas voll ! Also, ich stamme aus Paris, das lassen sie sich einfach nicht mehr nehmen und einen Pariser Schriftsteller muss man im Land von Dostojewski und Tolstoi verwöhnen. Dieses Überschütten mit dieser Unmenge von harten flüssigen Zärtlichkeiten führt dann allerdings, nicht ganz unerwünscht vielleicht, dazu, dass ich in dieser Nacht in eine Art Narkose verfalle und keinen Vitaminmangel mehr spüre.

Im Moskau gibt es einen Zwangsaufenthalt. Der Devisen wegen muss jeder westliche Tourist dort zwei Tage in einem Hotel übernachten sonst bekommt er keine Erlaubnis zur Durchreise oder muss sich eine teuere Ausnahmegenehmigung erwerben. Also miete ich mich in einem einfachen Hotel ein, versuche erst einmal die Stadt zu Fuß kennenzulernen was für einen hungernden Bayern der aus einem Zen Kloster kommt heißt : Wo gibt es denn irgend so was wie ein Hofbräuhaus in München oder den Andechser oder das Bamberger Schlenkerle ? Nichts war zu finden, in der einzigen Gaststätte in einer Nebenstrasse fallen mir aber die papierumwickelten Flaschen in den Papier oder Stofftaschen unter den Tischen auf , aus denen immer wieder mal das Teegas gefüllt wird. Alkoholtrinker durfte es ja offiziell in dem Modellstaat nicht geben! Hier ist es wie auf dem Zug, alles arbeitet auf den Endsieg eines großen genialen Gesellschaftssystems hin - doch das ist trüb und trist. In den Tunnels der U bahn verstummen die Klänge der Balalaikas wenn sich ein Uniformierter nähert, die hungernden Strassenmusiker verstecken schnell ihre Instrumente und selbst im berühmten Bolschoi Ballett, wo ich mir den Schwanensee anschaue, herrscht eine gedrückte Stimmung und die so fabelhaften, bildschönen, graziösen Ballerinen scheinen nur nach dem einem Kriterium ausgewählt worden zu sein, oder, so war es wohl eher, waren nur diesen Vorschriften entsprechend verpflichtet worden: nämlich wie weit und wie hoch sie hüpfen können. Das war nichts als sozialistischer Leistungssport und mir taten die jungen Elevinnen wirklich leid.

Wäre ich drei Jahre vorher in Moskau gewesen hätte ich vielleicht die Schwester der Französin vom Schiff an einem Esstisch im Moskauer Hotel getroffen, die dort mit ihrem Freund J.P. Sartre ähnliche Beobachtungen machen musste. Ob Sie sich dem Deutschen geöffnet hätten? Ich denke schon. Aber Simone erlaubte die Veröffentlichung des Buches „Missverständnisse an der Moskwa“ erst nach ihrem Tod 1986. Hatte Sie es zeitlebens ihrem Freund Sartre zu lesen gegeben? Sicher ist, dass Sie verfügt hat, dass es nicht während seines Lebens gedruckt  und veröffentlicht werden darf. Denn sie geht darin recht schonungslos mit seiner gewissen politischen Naivität und mit seiner skrupellosen Vielweiberei um. Sicher hätte ich mich mit Sartre blendend verstanden – ich hätte mich über das Nichts und das Nichts im Nichts unterhalten und dann alles in ein Rätsel oder einen Witz aufgelöst. Und mit Simone sicher auch, denn irgendwie hatte ich bei Frauen damals viel Erfolg. Es ging weiter, und als dann an der tschechischen Grenze die Achsen der Waggons gegen schmälere ausgetauscht wurden und der Zug gegen Prag rollte, wusste ich, bald würde ich daheim sein.

In Venedig

He had rooms in the Campo de la Bragola.

„Wie sich Verdienst und Glück verketten, dass sehn die Menschen selten ein, wenn sie den Stein der Weisen hätten, der Weise mangelte dem Stein“. Johann Wolfgang von Goethe

Sind Zufälle wirklich Zufälle, also etwas, was einen so irgendwie vollkommen sinnlos zufällt? Viele Menschen, ja die Mehrheit aller, die man befragt, glauben nicht an Zufall, sondern meinen, alles was einem im Leben widerfährt, sei vom Schicksal oder einer göttlichen Vorsehung vorbestimmt. Also war es kein Zufall, dass  auf dem Rückweg von Japan mit Hélène de Beauvoir eine Freundschaft entstand, die ab diesem Zeitpunkt unser beider  Leben bereichernd und beschützend beeinflussen sollte? Kein Zufall, dass ich ausgerechnet auf dem einsamen Schiff  von Yokohama nach Sibirien eine Französin treffe, die in Paris lebt, wo ich zwei Jahre später vor der Notre Dame meine spätere Frau wiedersehe die ich in Venedig, wo die Französin gerne mit ihrer Schwester Simone ist, kennenlernte? Menschen, die das Schöne lieben haben  ähnliche Interessen und viele davon kennen den Marcusplatz in Venedig oder die Seineinsel von Paris. Sie bewundern die strengen, klaren Linien und die Philosophie der Zen Künste Japans. Hélène und mich hat das auch verbunden. Also, was ist das schon für eine besondere Fügung, wenn man sich auf der Suche nach denselben Idealen trifft? Eines aber stimmt auch. Wünsche haben viele. Aber wir machten sie wahr, auch ohne einen Pfennig in der Tasche  zu haben ! Ein Geschenk, Gnade ?

In Paris

Sartre war öfters in Venedig, das er liebte. Er war wie die Malerin auch, besonders von den nächtlichen Stimmungen inspiriert.

Gondoliere. Öl auf Leinwand von H de Beauvoir

Über die Plätze und Gassen, über die Brücken von Venedig  laufen täglich viele Tausende  Mädchen aus aller Welt. Die eine, die mir besonders auffiel, war eine auffällige Schönheit, schlank, stolz, mit langen dunklen Haaren und einem klassischen Profil. Sie hatte eine enge, braune Cordhose an, darüber eine Cord Bluse, und trug,  wie ein Schulmädchen einen Reiseführer unterm rechten Arm. In der linken Hand hielt sie ein Spitzentuch. Sie ging gerade an der Löwensäule vorbei zum Marcusplatz.  Etwas unsicher, mit weichem Schritt - als ob Sie unschlüssig sei, wohin ihr Weg, ihr Lebensweg vielleicht, verlaufen sollte? Viele Männer drehten  sich nach ihr um. Ich war auch planlos unterwegs, mit einem Lexikon und einem kleinen Skizzen und Notizbuch. Während ich sonst träumend und über ein paar Verse nachsinnend über die schönen Marmorböden Venedigs laufe, werde ich plötzlich hell wach. Unter den vielen Mädchen, die den lauen Tag lachend durchstreichen, ist Sie es, dich mich so behext, dass ich Ihr nachlaufe. Die Schöne wird unsicher, das weiße Tuch entgleitet ihr – oder öffnet Sie die Hand? Ich lauf schnell hin, heb es auf und gebe es Ihr. So ging es an. Wer hatte es eingerichtet, das Schiff, mit dem Sie eigentlich mit ihrer Studienklasse Architektur in Barcelona nach Burano übersetzen sollte, versäumen zu lassen? Zufall oder Fügung? Helene war ebenfalls fast mittellos, ohne Taschengeld, eine Orange und etwas Spagetti war ihr tägliches Essen, durch Italien gewandert  um die Schönheiten der Museen und Städte zu sehen, aber sie hatte dabei keinen Mann kennengelernt. Jemand ist da wohl, der die Geschicke der Menschen lenkt? Der jede Sekunde der Billionen von Menschen, die auf der Erde leben, sich vergnügen oder leiden, kennt, plant und steuert? Der dem Millionär eine Million im Lotto gewinnen lässt....

Hat er mich nach Venedig geschickt? Der gute Bergpfarrer aus Tirol hatte wieder mal die Hand im Spiel. Nachdem ich als Lehrer dem verhassten Rektor des Nazi Deutschland entflohen war und die Schule quittiert hatte ich nach einer Berufung gesucht: in einer Zeitung als Journalist gejobbt, in einem Verlag in Nürnberg volontiert, meine kleine Galerie gegründet, dabei immer selbst gemalt, (der Regierungspräsident der Oberpfalz hat mir ein Bild abgekauft) und geschrieben und bei einem Bildhauer Granitsteine zu Skulpturen mit Meisel und Fäustel geformt. Ich hatte auch einen biologischen Bauernhof , den sich mein Vater als Hobby zugelegt hatte, mit 20 Schweinen, die einen Eichenwald durchwühlten, 8 Kühen, vier Ziegen und drei Schafen allein bewirtschaftet, und ich hatte die Notschlachtung einer jämmerlich keuchenden Kuh mitten in dunkler Nacht durchleiden müssen, indem ich aus einem Aussiedlerhof , der einen Kilometer entfernt lag den dicken grantigen Dorfmetzger wachrief , und ich hatte entsetzt neben dem armen, aufgetriebenen Tier gestanden, als es dieser mit einer alten Klinge schwitzend zu Tode brachte. Mein Vater hatte sich einfach so nebenbei einen kleinen Bauernhof gekauft weil er fürchtete wegen der Koreakrise werde seine Familie nichts zu essen haben. Dann sollte ich nach Tirol, um an eine Kirchenwand ein Fresco zu malen. An die moderne Kirche, die im Navistal steht. Und um Zeit und Ruhe für den Entwurf zu haben wollte ich von dort aus mit dem Zug nach Venedig.“ Das wir dich inspirieren“ sagte mir der Bergpfarrer noch zum Abschied und zog an seiner kurzen Krummpfeife.

Die Jugendherbergen in Venedig waren damals schon teuer, zu überfüllt und zu laut. Für Helene in Italien nach dem Krieg war das damals noch anders gewesen, Sie konnte für ein Butterbrot eine Unterkunft finden. Ich suchte ein Privatzimmer, im Monat wollte ich 100 Mark für die Miete ausgeben. Ich geh also durch die Gassen zwischen  der Basilika de San Marco und dem Arsenale weil dort viel weniger Touristen unterwegs waren und es also noch etwas unverfälschtes Leben gab als zwischen dem Marcusplatz und der Rialtobrücke. Wunderbar, dass es dort auch kleine Tapas  in den Stehbars gibt und dass ein Glas Wein, wo die Venezianer einkehren, noch billig ist. Vor einer Brücke führten einige Stufen nach unten, ans direkte Lagunenufer. Dort sehe ich die commissarios und gerentes einkehren. Da ist es wohl sicher, und sicher auch der Wein gut! Ich zeig auf kleine gebratene Sardellen und ein Glas Regionale. In der schummrigen Ecke höre ich aus dem lauten Geschrei der italienischen Stammgäste eine englische Stimme – ein bulliger, untersetzter Mann, eine auffällige Erscheinung die ausschaut wie Hemingway, mit einem breiten Bart und noch etwas blondem gelocktem Haupthaar steht dort und spricht auf seine Begleitung, einer bemerkenswerten Schönheit ein. Ist sie nicht fast zu schön, vor allem auch etwas zu groß für ihren Begleiter? Extravagant gekleidet, langes dunkles Haar,  ihre rauchige Stimme wird heftiger, lauter. Es scheint sie haben Probleme.

Ein Abend in Venedig

Eines der ersten großen Venedigbilder in Öl auf LW von Hélène de Beauvoir mit kräftigen Gondolieri entstand lange bevor ich in Venedig lebte.

Abends durchstreife ich das von Touristen fast leere Venedig - ich liebe die Ruhe und das schaukelnde Schimmern der Sterne und des Monds in den Lagunen. Hélène hat diese Stimmung gemalt. Sie war oft in Venedig, immer mit ihrem Zeichenblock und den Leinwänden und Farben. 1963 hat sie in der Galerie Synthese in Paris die Venedig Bilder ausgestellt, auch in Venedig in der Galerie Cavallino am Marcusplatz. Sartre hat dafür gesorgt dass in „Les temps moderns“ ein siebenseitiger Bericht darüber erscheint. (War Simone beteiligt ?) Der großartige Picassobiograph Ferrier hat ihn verfasst.  Aber das wusste ich damals noch nicht. Ich ging auf den Wegen meiner großen Bekannten und wusste noch nichts von Ihr. Aus einem kleinen, vergitterten Fenster einer Eckbar fällt schwaches Licht, es sind noch Gäste drin. Das ist sicher keine Touristenkneipe! Ein Glas Wein werd ich mir noch gönnen. Da entdeck ich in dieser düsteren rauchigen Höhle wieder das Paar von gestern Mittag. Doch diesmal sind sie nicht zu zweit. Ein hünenhafter riesiger Mann steht neben ihnen, die Haare kurz geschnitten, die Gesichtszüge grob, schon fast brutal die Gesichtshaut, fast schon blau rasiert. Er hat ein gestreiftes Hemd an. Kaum sieht mich der englisch sprechende Bärtige, schon kommt er auf mich zu: „Haben wir uns nicht schon gestern gesehen? In meiner Lieblingsbar? Sie sind Deutscher ?“ Tippt er wohl. Oder er kennt die Menschen. Ich bejahe. „Oh, herzlich willkommen in Venedig? Kenne sie den guten Landwein von Garganegra? Gibt es hier! „Nein ? „Mit „ Ich bin Ire. Ich lad Sie auf ein Glas ein. Peter Russell “ stellt er sich vor.  Es geht ganz schnell bis der Wein da ist, er ist sicher Stammgast. „Bitte, darf ich Ihnen meine Freundin vorstellen? Eva Winston! „Sie blickt nicht gerade freundlich, aber gibt mir doch die Hand. Sie hat wohl Stress? „Bitte stellen Sie sich doch zwischen dem da“ er zeigt auf den Riesen “ und meiner Bekannten. Er ist Gondoliere!“ Natürlich fang ich gleich  an, mich mit dem  Helden der Lagune zu unterhalten und bekomme seltsame Seitenblicke des ungewöhnlichen Paars. Am glücklichsten ist wohl der Ire, dass ich den Hünen von Gondoliere ablenke. Doch der Frieden hält nicht allzu lange. Plötzlich geht ein Wortgefecht über meinen Kopf hinweg los. „Puta“! Sin verguenza!“ Ich will ausweichen, auf die Toilette oder sonst wohin - aber der Ire schiebt mich wieder zwischen sich und seinem Gegner. Ich begreife erschrocken! Ich bin da in eine fette Eifersuchtsszene geraten und soll den Iren vor dem Gondoliere schützen. Jetzt allerdings ist er nicht mehr allein und weil ich mich in meiner ganzen Größe aufbaue und der Ire, untersetzt, aber nicht unbedingt unterernährt, ein schreckliches Gesicht zeigt und die Schönheit schnell beschwichtigend eingreift, geht es ganz knapp ohne Blutvergießen ab. „Die Gondoliere sind unglaublich stark! Sie haben Muskeln wie Drahtseile, weil sie den ganzen Tag trainieren!“ Der Ire Peter, so heißt mein neuer Freund, hab ich schon erzählt, er verkehrt in Venedig u.a. mit Peggy von Guggenheim, Hundertwasser und Ezra Pound, ist noch etwas außer Atem aber offensichtlich immer noch  froh mich neben sich zu haben. Wir gehen zu Dritt durch die schummrigen Gassen Venedigs, die große Blonde ist jetzt ganz sanft geworden.

Ezra Pound

„Sie ist mit dem Gondoliere am nächsten Tag weg, nach dem Frühstück mit mir!“ Peter Russell, den ich beim Einkaufen am nächsten Tag treffe, ist erbost. Sein an den Spitzen schon grauer  Bart zittert vor Wut, seine Augen sprühen Funken, die Unterlippe zittert. Er ist äusserlich die authentische Verkörperung von Sokrates. „Wo kommt Sie her?“ „Sie kam nach Venedig mit  ihrem Mann, einem Millionär, ein dummer Spießer! Ich hab Sie ihm ausgespannt! Und jetzt das!“ Ich bin nach Venedig gekommen, um zu lernen, um die Museum zu besuchen und um meine Zeichnungen zu machen. Das muss nicht sein, eifersüchtige Gondoliere und wütende Iren ! Doch ich habe mich glücklicherweise getäuscht. Es wird alles viel friedlicher. Wir verabreden uns abends und Peter führt mich durch die Gassen von Venedig und erklärt mir die zauberhafte Stadt wie kein Zweiter. Zwar ist viel Wein im Spiel, er muss immer wieder eine kleine Bar besuchen :“ die Du ausgesucht hast, als wir uns das erste Mal trafen, ist eine der Besten!“ aber was er über die Kirchen, Brücken und Plätze zu erzählen hat ist durch keinen noch so guten Bädeker zu ersetzen. Zwar bleibt er schon mal eine Viertelstunde vor einer Kirche  stehen um zu erzählen was darin ist, welche Schätze von Gemälden von Tintoretto und Botticeli versteckt sind in kleinen Kirchen, an denen alle Touristen achtlos vorbei laufen, und es dauerte auch eine lange Weile mir zu schildern wie ein Elefant durch die engen Gassen Venedigs lief und welche Mühe es kostete diesen zur Strecke zu bringen : er konnte erzählen, wie ich es selten erlebt habe, alles nahm Farbe an , wurde lebendig. Zum Abschluss lud er mich in seine Wohnung in einem wunderschönen Palazo Venedigs ein. Es war kalt geworden, er entzündet den Backofen, der durch Gas geheizt wird, so hatten wir etwas Wärme: dann las er mir aus seinen Gedichtband “The golden chain“ vor . Sehr lange, sicher eine Stunde lang, ich kann zwar gut Englisch und verstehe von den vielen seltenen  Wörtern viel, aber allein schon der Rhythmus, die lange Spirale von Versen aus denen immer wieder griechische und lateinische Zitate klangen, fesseln mich. Dann merkt er, dass ich auch durch den Wein müde werde.„Weißt Du, was für mich das schönste deutsche Gedicht ist?“ Er kann es auswendig. „Frühmorgens wenn die Hähne krähn und die Vöglein erwachen, muss ich am Herde stehn, muss Feuer machen! .. Träne auf Träne dann fliesset hernieder ...“ Eduard Möricke.  Peters Wangen werden nass.  Später erfahre ich, dass Peter viele Frauen unglücklich gemacht hat! Wie leicht ist es und tröstend, Tränen in Erinnerung für die zu vergiessen, an deren Freude und Schmerz und Liebesleid  man beteiligt war! Wie süss rollen die Tränen. Wieviel Schuld tropft über dem Bart ab.

Minuten sind lang und Jahre kurz. Aber: die Jahre haben entsetzlich viele Minuten für die, welche alleingeblieben weinen.

Campo de la bragola

„Bitte lasse niemanden in mein Haus. Und vergiss nicht, die Katzen sind einmal am Tag Fischreste gewohnt“ Peter Russell fährt für ein paar Tage nach Florenz zu Freunden. Oder zu einem Kongress über/mit seinem Freund Ezra Pound. Er ist auch Herausgeber einer sehr guten Literaturzeitung. Auf der Dachterasse mit dem einmaligen Blick über das wankende Venedig, über das Sartre in seinen "Fenstern" so genial schreibt, in seiner Dachterasse über der Wohnung im Palazo  am Campo de la Bragola streiten sich ständig über zehn magere Katzen, ich soll sie versorgen. Und darf in des Dichters Bücherwelt wohnen. 10 000 kostbare Bände mindestens kann ich dort studieren.

Pilar Rovira Gonzalez Hammer in Venedig, oben.

Venedig 

Ich bot meiner Bekanntschaft an ihr Venedig zu zeigen. Gott sei Dank konnte Sie Englisch. Am Marcusplatz angekommen kaufte ich eine Tüte Körner und fotografierte Sie beim Taubenfüttern.. Durch Venedig schlendern mit einem hübschen Mädchen, mit ihr nach Giudeca übersetzen zum Cappuccino trinken und abends ein Cembalo Konzert von Mozart in einem alten Palast hören – weiß man eigentlich in so einem Moment wie wertvoll so ein Tag ist? Ich wusste es nicht. Ich war aus der Zeit geschlüpft, ganz in die zauberhafte Affäre entrückt. Ich hätte damals auch Simone, Hélène und Sartre treffen können, denn diese waren öfters auf dieser schwankenden Insel. Sartre hat meisterhaft in " Venise de ma fenetre" einen Blick aus dem Fenster auf das nächtliche Venedig beschrieben. Und Hélène hat ihn gemalt.

Der Text unter der Venedig Bilderliste der Malerin Hélène de Beauvoir ist von J.P. Sartre

Hélène und Sartre

 

Bei Hélène, der Schwester von Simone hat Sartre  Entspannung. Sie ist nämlich für Ihn so etwas wie seine Schwester. Er muss sie nicht verführen, sein Stress ist weg. Er mag Sie. Es ist schon sehr befremdlich dass er 1975 ein fast euphorisches Loblieb auf ihre Malerei  schreibt während die Schwester Simone noch 1970 in eher dürren Worten die Entwicklung ihrer Malerei  beschreibt. 

Wie Hélène in ihren alten Tagen feststellen musste hatte Simone als Sie jung war in Briefen an Sartre und Algren öfters abfällige Bemerkungen über die Malerei allgemein und auch über  die ihrer Schwester gemacht. So  schrieb Sie einmal : „die anderen Maler ihres Alters sind genauso schlecht wie Sie...Warum sollte ich ihr Talent zusprechen, wenn Sie keines hat?„

Es ist verräterisch, dass Simone alle zeitgenössischen Maler schlecht nennt. Wollte Sie damit nur die Brutalität ihrer Bemerkung ihrer Schwester gegenüber mildern? War Sie auf ihre Schwester eifersüchtig, die klug, sehr hübsch, ja viel  hübscher wie Simone und sehr liebenswürdig war?

Sartre an Hélène zu verlieren, oder auch nur eine kurze Liaison mit Ihm, das wäre wohl das Schlimmste gewesen was Simone passieren konnte.  Stets war Sie ja die Dominierende gewesen, hatte Hélène das Lesen gelernt, ihr anfänglich die Miete bezahlt, Sie immer unter Kontrolle gehabt. Einmal schreibt Sie : „Was sie auch immer tat um sich gegen mich durchzusetzen, es ist ihr nie gelungen “! Wollte Sie ev. verhindern dass Sartre sich zu sehr für Hélène interessierte, ihre Schwester bewunderte?

Auch die Verheiratung mit Lionel de Roulet einem Meisterschüler von Sartre den Hélène 1933 kennenlernte, also als Sie 23 Jahre alt war, war dieser Verhinderungsstrategie vielleicht dienlich. Simone zahlte Hélène im Mai 1940 die Reise nach Faro in Portugal damit sie ihrem Freund Lionel nachreisen konnte. Er kurierte bei seiner Mutter eine Knochentuberkulose  aus. Da muss Sie einige Jahre bleiben, ist weit weg, heiratet Ihn dort sogar 1942, etwas widerwillig, weil dieser meint Sie bekämen sonst Schwierigkeiten, wenn die Deutschen Portugal erobern, nicht ohne festzulegen, dass Sie nie nur dafür da sein werde, seine Socken zu stricken.

Warum also war Sartre oft und gern mit Hélène zusammen?

Dass er so viel Spass daran hatte stundenlang durch Paris mit ihr zu laufen war sicher ein kluger Impuls seiner Seele, die ihm Erholung schaffen wollte. Erholung von der Sucht Frauen „aufzureißen“. Hélène erzählte mir einmal, dass er sie nie verführen wollte weil sie wie eine Schwester zu ihm war. Sartre hatte ja keine leibliche Schwester. Eine Schwester ist, wenn es normal läuft, etwas wo man sich nicht verstellen muss, etwas das ohne Sex und Macht abläuft. Mit der man alberne Späße machen kann. Wie vergnügt war Mozart bei seiner Schwester Nannerl, er erfand Streiche, schrieb ihr alberne Briefe, Sie bewunderte ihn,er hatte Luft. Sartre flüchtet nach der Preisverleihung des Nobelpreis nach Goxwiller ins Elsass,zu Hélène, da war er sicher, hatte auch Luft. Hélène war aber nur Sartres  geistige Schwester. Sie hätte doch mal seine Geliebte werden können. Das mag Simone wohl immer befürchtet haben?

Illustration von Hélène de Beauvoir "La femme rompue"

Simone, Sartre, Hélène und Marie-Antoinette

 

„Marie-Antoinette ne méitait pas tant d’opprobre, elle a sybolisé toute la haine et tous les vices, cristallisé tous les phantasmes sexuels, on là chargée de tous les crimes de l`humanité.“

 

„ Alle sexuellen Phantasien kristallisierten sich an Ihr“ „..schrieb also Hélène über die Königin Marie-Antoinette, als sie eine Serie von zwölf Aquarellen für die Edition Quatrevents anfertigte.

 

Hatte Hélène dabei auch an ihre Schwester Simone gedacht als Sie diesen Text zu ihrer ausdrucksstarken kolorierten Zeichenserie über das tragische Leben von Marie-Antoinette und die französische Revolution niederschrieb? Es wird wohl so gewesen sein.

Denn alle Sehnsüchte frustrierter Eheleute und Singles, aber auch die unterdrückten, berechtigten jugendlichen Begierden betrogener Verklemmter spiegeln sich in der Beurteilung der Beziehung von Hélènes Schwester Simone und  J.P. Sartres wieder. Sie lebten ja, so meinte man, ein freies Leben ohne Bindung und Ehe vor. Wie aber war es wirklich?

Simone hatte mit Sartre einen Freund fürs Leben kennengelernt als Sie das Abitur machte. Einen guten Freund, geistreich, begabt, unterhaltsam, mit dem Sie ihr Leben lang philosophieren, Ideen und Pläne besprechen würde und der auch wirklich sein Leben lang mit Rat und Tat zu ihr hielt. Aber sie waren nie verlobt oder verheiratet,  hatten nur zu Beginn ihrer Freundschaft wenige Jahre eine sexuelle Beziehung die dann ganz und für immer abbrach. Die enge Freundschaft blieb. Über eine innige geistige Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau lebenslang, die echt und ergiebig ist wird immer wieder mal berichtet, aber es ist doch leider immer noch etwas sehr seltenes.

Juan de la Cruz und Teresa von Avila sind ein beeindruckendes Beispiel dafür. Juan, aus einfachsten Verhältnissen stammend und  bis in unsere Zeit noch als „Meister des Nichts“( was für eine Parallel zu Sartre) von seinem Orden diffamiert, schrieb einige der schönsten Verse der Weltliteratur, nachdem er wegen seiner eigenständigen Auffassung vom Klosterleben eingekerkert, eine Vision vom Göttlichen hatte. Theresa hatte er schon bei der Priesterweihe kennengelernt und teilte mit ihr diese Visionen und die Liebe zu einem echten Humanismus, der Lebenslust und Sinnsuche vereinigen wollte. Es war eine rein platonische Freundschaft, sicher.

Simone und Jean Paul hatten im Gegensatz dazu in den ersten Jahren eine körperliche  Beziehung waren aber dann „nur“ noch einfach befreundet, sprachen sich ihr Leben lang mit „Sie“ an.

Doch wie schon Hélène  über Antoinette schreibt,  alle Spießer dieser Welt, die unfähig waren eine echte Freundschaft zu einer Frau aufzubauen meinten nun alle Fesseln aufbrechen zu müssen– junge Menschen schlossen aus dieser einfachen Freundschaft zweier Intellektueller sie müssten den ewigen Partnerwechsel in die Tat umsetzen, dachten die Treue sei nur was für Narren. Und stürzten sich und ihre Kinder in ein Lebenschaos. Nur weil zwei hochintelligente begabte Menschen das taten was  zwischen Mann und Frau normal sein sollte – eine Freundschaft pflegen!

Simone hatte relativ wenige Partner nachher, es sollte uns nicht allzu sehr interessieren. Es war nicht so leicht für Sie neben Sartre. Ausserdem arbeitete sie wie ihre Schwester sorgsam und diszipliniert jeden Tag mindestens 10 Stunden, oft in völliger Einsamkeit, um dann abends endlos zu diskutieren noch einen Drink zu nehmen, ( eher drei als einen) und todmüde ins Bett zu fallen. Wir verdanken dem  Fleiß der Schwestern so gute Bücher wie „Das andere Geschlecht“ „Die Mandrins von Paris“ oder „Das Alter“  und wunderbare Bilder von Hélène, aber eine so tolles Lebensvorbild dieser unermüdlichen Schriftsteller und Maler wäre das für viele verwöhnte Kinder unserer Zeit nicht. Wenige würden es nachmachen.

Sartre hatte während und nach der Zeit mit Simone  Zeit seines Lebens viele Freundinnen. Hélène erzählte,  dass es eine Kompensation war. Er wollte sich beweisen. Er wollte zeigen dass er trotz seiner Hässlichkeit Erfolg bei Frauen haben konnte. Es muss schrecklich gewesen sein damals für Ihn nachdem man ihm die schönen blonden Locken die sein Gesicht umschmeichelten das erste Mal abschnitt und als man ihm den Spiegel  vorhielt - oder hatte das  arme verstörte Kind nach der Scherenattacke  diesen Spiegel gesucht ? er sich als plötzlich Verwandelter lange und lange immer wieder betrachtet,  versucht das Gesehene zu Begreifen, immer entsetzter und immer verzweifelter bemüht eine kleine Haarsträhne vorzuholen und über die Augen zu streichen. Welch ein Schock! Er schielte! Er das hatte nie so genau bemerkt, er war ja ständig mit tausend Ideen mit Späßen und Erfindungen unterwegs mit den vielen Locken ums Gesicht  - und das jetzt ! Welche Tragödie!

Aber man hatte ihn doch vorher auch geliebt, er hatte doch so viel Aufmerksamkeit erregt! Weil er witzig war, lustig und geistreich – das wollte und  machte und konnte er dann sein Leben lang noch.

Hélène hat richtig geschwärmt von Sartre.

Sie war ja weniger Philosophin (obwohl Sie auch ihr Abitur in Philosophie gemacht hatte) und mehr Künstlerin als Simone, weniger kopfgesteuert wie man heute sagt, sie genoss es besonders wenn er seine kleinen improvisierten Theaterstückchen spielte, Worte verdrehte, Gedichte rezitiere.

Johann Wolfgang von Goethe muss so gewesen sein – verkleidet tritt er in Sesenheim in den Pfarrhof seiner Freundin Friederike Brion entgegen, dem August von Weimar spielt er Witze vor, organisiert Festchen. Was hätte wohl Sartre nicht alles gegeben für eine Nacht am Lagerfeuer mit Ihm und seinen Späßen und wie gerne wären auch wir dabei gewesen.

Casanova hatte Jura studiert wie Goethe, war ein ausgezeichneter Schriftsteller -er ist später so oberflächlich  reduziert worden als Frauenheld wie es Sartre  jetzt geschieht ? Jeder schreit: „Welch ein Schuft“ und jeder jubelt gleichzeitig: „Es lebe die freie Liebe!”

Zeichnung der 15jährigen Hélène vom Gutshaus Meyrignac

Fahrt nach Meyrignac.

Ich google „Beauvoir Meyrignac“ und tatsächlich findet sich dort sofort ein Artikel der die vergebliche Suche nach dem „verlorenen Paradies „ der Beauvoir Schwestern beschreibt. Das bringt mich schon zum Schmunzeln. Die Autoren hatten sich von dem Hinweis, dass die jetzigen Besitzer des Hauses keinen Besuch wünschten, tatsächlich abhalten lassen. Da bin ich schon hartnäckiger gewesen. Verbotene Wege reizen mich. Und die Fahrt mit einem guten Mercedes über schlechte Waldwege auch. Mein guter Vater tat das schon gerne und wenn er an einem Baum dem Auto eine Beule verpasst hatte war sein Kommentar immer : Der arme Baum ! Ich suche also Meyrignac auf der Karte im Limousin, wo die weißen Kühe auf sanften Hügeln weiden, aber finde nichts. Mein Tomtom hilft vielleicht ? Tatsächlich, Meyrignac im Limousin, nicht allzuweit in der Mitte der Route Spanien Frankreich Deutschland. Also das Ziel eingegeben und den Befehlen gehorcht „ Bleiben Sie links. Biegen Sie die nächste Strasse rechts ab.“

Eine kleine enge Strasse durch eine Schlucht, ein Wegweiser „Meyrignac sur la eglise“ Kleine Zweifel. Von Eglise hatten Simone und Helene nie geschrieben.

Dann ein großes Gebäude rechts, das Gut der Beauvoirs ? Links ein mittelalterliches Ensemble, schindelholzgedeckt das frühere Pfarrhaus, schiefergedeckt das Nebengebäude, alles liebevoll restauriert.

Düstere Bilder : Schläger prügeln auf einen armen Menschen ein der unter gewaltigen Balken liegt. Aber rechts - ein Glasfenster in warmen Farben - eine Frau mit einem Kind im Arm - meisterlich gemalt. Es muss gute Maler geben in dieser Gegend! Die Auskunft draußen, von einem freundliche Paar das die Kirche betreut – nein, das ist nicht das Meyrignac der Beauvoirs. Es liegt etwa 50 km entfernt.  Aber genaueres wissen sie nicht. Allerdings - der Name de Beauvoir - man spürt sofort wenn man ihn in Frankreich ausspricht welchen Klang und Wert er hat. Ich weiß dass Meyrignac bei Uzerche liegen muss, da fahr ich jetzt einfach hin. Die Gegend ist sowieso schön, warum fährt man da nicht öfters einfach mal so vorbei ? Uzerche, ich erkenne sofort die Spitzen auf einem Schlossdach von einem Aquarell von Hélène wieder, „meine Malerei ist immer biographisch“ hat Sie einmal in einem Filminterview gesagt. Die Strasse am Rand der Burg durch die mittelalterliche Stadt verläuft ungünstig in einer Bergfalte. Man kann kaum parken. Nach Meyrignac fragen ? Meine Frau besteht darauf. Keiner kennt den Namen bis aus dem Rathaus ein kultiviertes Paar kommt, sehr gut gekleidet, dezenter Pariser Diplomatenchic – die Bürgermeister  Ja, Meyrignac, das der Beauvoirs, Richtung Limoges, nehmen Sie die kleine Strasse, nach zwei Supermärkten  und einem Kilometer links in das Baumtal. Aber, so sagen Sie uns, man darf eigentlich nicht hinfahren. Die Besitzer wollen ungestört bleiben. Zuviele Beauvoirfans. Der Weg ist ungeteert. Das gefällt mir. Es geht über eine schmale alte Brücke  den Berg hoch. Und dann : das Schild „Meyrignac – Allee privee“. Ich habs gefunden. Privee ? Ich fahr weiter, was kann mir schon groß passieren, ich sag einfach, ich hab mich verirrt, ich kann nicht französisch oder so, außerdem gibt es oberhalb noch deutlich abgegrenzte kleine Gebäude, es muss eine Durchfahrtserlaubnis geben. Links ein großes Tor aus Eisengitter mit zwei Steinsäulen – das war sicher das alte Tor ins Gut. Es ist noch unverändert erhalten. Ich fahr am Gutshaus vorbei, man sieht daneben und gegenüber viele Stallungen, es war ein reicher Besitz , große Weiden umgeben das stattliche Gebäude noch heute, die kleinen, liebevoll gepflegten Bauernhäuser oben auf dem sanften Berghügel von denen Hélène schreibt sind wohl schon nach dem Bankrott des Großvaters, der mit russischen Aktien spekuliert hatte verkauft worden. Neben dem Gutshaus in Nebengebäuden sind Pferde im Stall, wie in früheren Zeiten. War da schon das Lieblingspferd der beiden Mädchen Simone und Hélène gestanden, das der Zwangsrekrutierung bei Beginn des ersten Weltkriegs entging ? Eine Frau schaut neugierig aus dem Haus, ich lass es lieber mich mit Ihr zu unterhalten.

Aber, ich hab das Gut Meyrignc gefunden, das große Hauptgebäude ist verändert - glatter, unpassender die Fassade, es ist kein großes Traumschloss mehr - doch die uralten, seltenen Bäume ringsum hat keiner zu fällen gewagt. Sie erzählen von alten Zeiten in denen es als selbstverständlich angesehen wurde viel Geld für einen kunstvoll angelegten Garten auszugeben. Ein Bambuswäldchen erinnert an die träumerische Liebe zum fernen Osten, war eine japanische Laterne dort aufgestellt ? Wie schön rascheln die Blätter wenn die beiden Mädchen sich darin verstecken. Über die kleine Brücke geht’s zurück, die Mädchen müssen nach Paris in die Schule.    

Wird fortgesetzt !